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Die Textmengen der Originalseiten finden sich auch in dieser Bearbeitung, allerdings wurden unvollständige unterste Zeilen mit Text der Folgeseiten aufgefüllt, dass ein einigermaßen sauberes typographisches Bild gewahrt bleibt.

Abdrucke, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages gebattet / Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehah ten / Copyright 1933 by Koehler & Amelang, GmbH., Leipzig, Prim ted in Germany / Druck der Offizin Haag-Drugulin AG. in Leipzig

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"MEINEN

GERMÄN1SCHEN

MÜTTERN"

rWeihe-lnschrifl eines Kölner iMatronenfteines l.Jh. n. Chr.

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Inhalt

Der Text der Chronik 11

Geleitwort von Hidde Ura Linda : »Okke, mein Sohn« 13

Geleitwort von Liko Ovira Linda : »Liebe Erben« 13

FLus dem 'Buche des 'Folger FLdelas 15

Dies iSt unsere ältere Geschichte 16

Fryas Rat 17

Dies hat FeSta gesagt 19

FeSta sagte 20

Dies sind die Gesetze, die zu den Burgen gehören 20

Gemeine Gesetze 23

Hier folgen die Gesetze, die daraus geworden sind 25

Hier sind die Rechte der Mütter und Könige 26

Hier sind die Rechte aller Friesen, um sicher zu sein 28

FLus SMinnos Schriften 30

Gesetze für Steurer 30

Hierunter sind drei Wissen,

darnach sind diese Satzungen gemacht 32

Diese Bestimmungen sind gemacht für neidigliche Menschen .... 33

Dies sind die Rechtssatzungen für Horningen 34

Nützliche Sachen aus den nachgelassenen Schriften Minnos 35

Sfrus den Schriften von FldelbroFt und Apollonia 39

Ältere Lehre 39

Der zweite Teil der ältesten Lehre 40

Flus dem 'Buche der 'Folger Fldelas 44

Was hierunten fteht, i& in die Wände der Waraburg geritzt 44

Dies &eht auf allen Burgen geschrieben 45

Wie die arge Zeit kam 47

Dies fteht an der Waraburg bei der Aldergamunde geritzt 47

Also i& die Geschichte 48

Dies alles sdeht nicht allein an der Waraburg, sondern auch an der Burg Stavia, die gelegen ift

hinter dem Hafen von Stavre 51

Was davon geworden i& 53

Nun wollen wir schreiben über den Krieg

der Burgmaide Kelta und Minerva 54

Hierzu kommt die Geschichte von Jon 56

Nun wollen wir schreiben, wie es Jon ergangen HL

Dies &eht zu Texland geschrieben 58

jTus SJViinnos Schriften 62

Dies Ht über die Gertmänner 65

Aus den Schriften Minnos 67

In dem Jahre tausendundfünf, nachdem Aldland versunken ift, ift dies

an der O&wand in Fryas-Burg geschrieben 68

Dies &eht auf allen unseren Burgen. Wie unsere Dänemarken uns verlorengingen, sechszehnhundertundzwei Jahre

nachdem Aldland versunken i& 70

Wie es dem Magy weiter ergangen ift 74

Fdus dem 'Buche der 'Folger Fldelas 76

Dies sind die Grevetmänner, unter deren Walten dies Buch verfaßt wurde

79

Dies sind die nachgelassenen Schriften Drunnos,

der Schreiber gewesen ift auf dieser Hurg 82

Die andere Schrift 83

Der Burgmaid Lob 84

Nun will ich selber schreiben, erSt über meine Burg

und dann über dasjenige, was ich habe sehen dürfen 86

Die Schriften von Drethorik und 'Wiljow 91

Nun will ich schreiben, wie die Geertmänner

und viele Folger der Hellenia zurückkamen 94

Diese Schrift iSt mir über Nordland

oder Schonland gegeben 97

Dies sind die Schriften von Hellenia. Ich habe die

zuvorderst gestellt, weil sie die allerälteSten sind 99

So lautet Franas letzter Wille 103

Dies hat Gosa nachgelassen 103

Die Schrift von Donered 105

Nun will ich über Friso schreiben 106

Was Friso fürder tat 109

Nun will ich schreiben über seinen Sohn Adel 111

Hier iSt die Schrift mit Gosas Rat 113

Hier iSt nun mein Rat 115

Brief von Rika, der Altmaid,

hergesagt zu Staveren beim JulfeSt 117

...darum will ich erSt über den

schwarzen Adel schreiben 119

Die Einführung 129

I. Zur Geschichte der jetzigen Handschrift 131

II. Die Handschrift als neuzeitliche Fälschung abgelehnt 135

III. Zeitliche Entstehung der Handschrift 136

IV. Das Fehlen einer quellenkritischen Untersuchung

des Inhaltes der Handschrift 139

©

V. Die Ura Linda-Handschrift und die Vorgeschichte 143

a) Das sech^>eichige Rad als Sinnbild Gottes

und der Zeit : Wralda und Krodo 143

b) Krodo-Ul und das Schwangeleitboot 153

c) Das Zeitenrad Wraldas und Krodos,

der Gott in und mit dem Rade und die Ilgenkrone 178

d) Der Schmuck als Bitte um Lichtsegen

des Weltengottes 183

e) Volksmutter und Burgmaid 188

f) Der Turm der Volksmütter und die heilige Lampe 235

g) »Die arge Zeit«. Die poftglaziale

Klimaverschlechterung im Nordseekreis 247

h) Altland - Atland 252

i) Das Finda-Volk und der Magy 254

k) Das »Germanen«-Mädchen von Egtved 271

l) Buddha in Alt-Inguäonien 275

VI. Die Quellenechtheit der jetzigen Handschrift

und zur Frage der älteren Handschriften 286

VII. Der Verfasser von Handschrift A,

Liko Über die Linden, und seine Überlieferung des

Ahnenvermächtnisses. Ein inguäonischer Reformator? 298

VÜL Was bedeutet uns dieses Glaubensvermächtnis von der Nordsee? 301 Anmerkungen 316

Der Bilderatlas 323

Abkürzungen :

»Aufgang« = »Der Aufgang der Menschheit« Jena 1928 (vergriffen) »HU.« = »Die Heilige Urschrift der Menschheit«, Leipzig,

Koehler & Amelang 1932. (11 Textlieferungen und Bilderatlas, 429 Tafeln, bisher erschienen).

©

DER TEXT DER

CHRONIK

©

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VAAAAAAAAAAAAA/V

O/c/cc mem Sohn!

iese Bücher mußt Du mit Leib und Seele wahren. Sie umfassen die

L V Geschichte unseres ganzen Volkes und unserer Ahnen. Vergangenes Jahr habe ich sie aus der Flut1 gerettet mit Dir und Deiner Mutter. Aber sie waren naß geworden : dadurch fingen sie nachher an zu verderben. Um sie nicht zu verlieren, habe ich sie auf ausländischem Papier abgeschrieben. So wenn Du sie erben wirft, sollft Du sie auch abschreiben. Deine Kinder des' gleichen, damit sie nimmermehr verloren gehen.

Geschrieben zu Ljuwert, nachdem Atland versunken ift, das dreitausend' vierhundertneunundvierzigfte Jahr, das ift nach der Chriften Rechnung das zwölfhundertsechsundfünfzigfte Jahr.

Hidde zugenannt Ura Linda (Über die Linden2). Wache.

'Liebe Erben!

m unserer lieben Ahnen willen und um unserer Freiheit willen tau'

V_y sendmal so bitte ich Euch - ach Lieben, lasset doch nie die Augen einer Pfaffenkappe über diese Schriften weiden. Sie frechen süße Worte, aber sie reißen unmerklich an allem, was uns Friesen betrifft. Um reiche Pfründen zu gewinnen, halten sie zu den fremden Königen. Diese wissen, daß wir ihre größten Feinde sind, weil wir zu ihren Leuten zu frechen wagen von Freiheit, Recht und Fürftenpflicht. Darum lassen sie alles auftilgen, was von unseren Ahnen kommt und was da noch verbleibt von unseren alten Sitten. Ach, Lie' ben, ich bin bei ihnen am Hofe gewesen. Will Wralda es dulden und machen wir uns nicht ftark, so werden sie uns allesamt noch auftilgen.

Geschrieben zu Ljudwerd, achthundertunddrei Jahre nach der Chriften Meinung. Liko zugenannt Ovira Linda (Über die Linden).

1 Durchbruch der Zuidersee?

2 »Über«, d.h. jenseits des Lindenwaldes oder des Lindaflusses.

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T)ie ganze Einleitung zu dem sogenannten »' Tryas Tex« trägt innerlich wie äußerlich die Merkmale späterer Erweiterung eines ursprünglichen kleinen ‘Ker nes, der wahrscheinlich nur die schlichte erhabene ‘Kosmogonie des arischen T Ir glaubens enthielt, der wir noch mehrfach begegnen werden : Qott, der ‘WeltgeiSt, aus dem der Anfang, die Zeit hervorging, welche alle ‘Dinge schuf; das Eintreten von »Od« JiJ bzw. % (Qott es Odem) zu Irtha (die Erde) als der eigentliche Schöp' fungsvorgang.

‘Die wundertätige Offenbarung der vom (Himmel herabgesandten » Ältesten Qeschichte«, die Schilderung der drei Stammütter der (Menschenrassen, die Ent rückung der Trya, mutet teilweise wenig alt an, Steht in schroffem ‘Widerspruche, in Torrn und Stil wie gedanklich, zu dem weiteren ‘Inhalt der (Handschrift und zeigt deutlich Spätere ‘Beeinflussung einer älteren, schlichteren ‘Überlieferung. T)ie Erzählung, wie Trya, die Stammutter der nordischen Tasse, von ihrem ‘Wachstem herab der ersten Wolks- oder Ehrenmutter TeSta die » älteste Qe~ schichte« offenbart habe, wurde von mir in der Tlbersetzung mit aufgenommen, da trotz der sichtbaren Züge Späterer ‘Bearbeitung die ‘Bruchstücke einer älteren Tassung sich nicht verkennen lassen.

T)ie »älteste Qeschichte«, die T)ar Stellung der drei Stammütter der (Mensch' heit, deren rhetorischer Stil die Teder des friesisch-humanistischen ‘Bearbeiters verrät, wurde von mir Stark gekürzt.

Aus dem Buche der FolgerAdelas

Dies &and auf den Wänden der Fryasburg zu Texland geschrieben ; dies fteht auch zu Stavia und zu Medeasblik.

Es war Frya&ag, und zur Stund war es sieben mal sieben Jahre her, daß Fe^ta als Volksmutter nach Fryas Begehren eingesetzt worden war. Die Burg Medeasblik war vollendet und eine Maid gekoren worden. Nun sollte Fe&a ihre neue Fampe anzünden ; und als sie das getan hatte in Anwesenheit des Volkes, da rief Frya von ihrem Wächtern, so daß ein jeder es zu hören ver mochte : »Fe&a, nimm deinen Stift und schreibe die Dinge, die ich nicht sagen konnte.« Fefta tat, also ihr geboten war.

So sind wir, Fryas Kinder, zu unserer ältesten Geschichte gekommen.

©

T)ies unsere jlltette Qeschichte

Wralda, der allein gut und ewig iSt, machte den Anfang, dann kam die Zeit ; die Zeit schuf alle Dinge, auch die Erde (Irtha). Irtha gebar alle Gräser, Kräuter, Bäume, all das liebe und all das arge Getier. Alles, was gut und lieblich iSt, brachte sie am Tage und alles, was übel und arg iSt, brachte sie zur Nachtzeit hervor. Nach dem zwölften JulfeSt gebar sie drei Maide :

Lyda ward aus glühendem,

Finda ward aus heißem und Frya aus warmem Staube.

Da sie bloß kamen, S^eiSte Wralda sie mit seinem Odem. Od (Gottes Odem) trat zu ihnen ein und nun gebar jede zwölf Söhne und zwölf Töchter, eine jegliche Julzeit zween. Davon sind alle Menschen gekommen.

Fyda war schwarz, kraushaarig als wie die Fämmer ; gleich Sternen blink' ten ihre Augen, ja des Geiervogels Blicke waren machtlos neben den ihren. Von Gesetzen wollte sie nichts wissen : ihre Taten wurden von ihren beiden' schäften gelenkt.

Finda war gelb und ihr Haar glich den Mähnen eines Rosses. Sie schrieb tausende Gesetze, doch sie befolgte nicht eines davon. Sie verabscheute die Guten um ihres Freimutes willen, doch den Schmeichlerinnen gab sie sich sek her faSt fort. Honigsüß waren ihre Worte, doch dem, der ihnen traute, war Unglück nah. Über alle wollte sie herrschen und ihre Söhne waren ihr gleich ; deren Schwertern dienten ihnen und einander schlugen sie (die Söhne) um die Herrschaft tot.

Frya war weiß gleich Schnee im Morgenrot, und das Blau ihrer Augen überwand das des Regenbogens. Wie die Strahlen der Mittagsonne glänzten ihre Haare, die so fein waren wie Spinngewebe. Ihre Speise war Honig und ihr Getränk war Tau, gesammelt aus den Blüten der Blumen.

Fichte Frya. Das erSte, was sie ihre Kinder lehrte, war Selbstzucht ; das an' dere war hiebe zur Tugend ; und als sie jährig geworden, da lehrte sie sie den Wert der Freiheit kennen. »Denn«, sagte sie, »ohne Freiheit sind alle anderen

©

Tugenden allein gut, um euch zu Sklaven zu machen, eurer Herkunft zu ewiger Schande.«

Milde Frya. Nimmer ließ sie Erz aus der Erde schürfen um Eigennutz, son' dern wenn sie es tat, war es zu jedermanns Nutze.

Glücklichste Frya. Als sie ihre Kinder aufgezogen bis ins siebente Knie1, da rief sie alle nach Flyland. Dort gab sie ihnen ihren Rat (Tex) und sagte : »Laßt diesen euren Wegweiser sein, so wird es euch niemals übel ergehen.«

(Cs folgt nun die bereits erwähnte Cntrückung der "Frya und (Himmelfahrt zu ihrem MachSlern, dem Mbend- und (Morgenstern. Fi He Mraldas See hätte die Crde gebebt, Flylands Foden versank unter den Fluten. Fdonner Sprach aus den Molken und Flitz schrieb am (Himmelsraum »Mache«. F)ie Fryaskinder hätten nun eine hohe Merf2 gemacht und darauf die Furg gebaut, an dessen Münden sie Fryas Fex schrieben ; und damit jedermann ihn da finden könnte, hätten sie das Fand Fexland genannt. » F)arum wird es bleiben, solange drtha drtha iSl«, heißt es zum Schlüsse.

F)as nun Folgende, die Qesamtheit der alten heiligen Folksgesetze, die an die mythische QeStalt der Stammutter Frya angeknüpft und Fryas »Fat« oder »Fehre« genannt werden, dürfte uraltes Crbgut sein.)

f (Fryas fiat

Heil harret der Freien. Zuletzt werden sie mich Wiedersehen. Doch nur den allein mag ich als Freien anzuerkennen, der kein Sklave iSt eines anderen, noch seiner eigenen Leidenschaften. Hier iSt mein Rat.

1

So wenn die Not arg iSt und guter Rat und gute Tat nichts mehr vermögen, rufe dann den GeiSt Wraldas an. Aber ihr sollt ihn nicht anrufen, bevor alle Dinge versucht sind. Doch ich sage euch mit Grund und die Zeit wird es wahr machen : Die Mutlosen werden immer erliegen unter ihrem eigenen Leide.

1 Knie = Geschlecht, Grad der Verwandschaft (vgl. Heilige Urschrift, Seite 43 f.).

2 Die friesischen Terpen, in Niederdeutschland auch Wert oder Werft genannt, sind auf" geworfene Erdhügel, die als Wohnhügel, oder Fluchthügel bei Wassernot, benutzt wur den.

©

2

Wraldas Geift soll man nur kniebeugend Dank weihen, ja drei mal für das, was ihr von Ihm genossen habt, für das, was ihr genießt, und für die Hoff' nung, die Er euch läßt in bangen Zeiten.

3

Ihr habt gesehen, wie bald ich Hilfe verlieh. Tut also desgleichen mit eurem Nächsten. Aber zaudert nicht, bis man euch gebeten hat. Die Leidenden würden euch fluchen, meine Maiden würden euren Namen auslöschen aus dem Buch und ich würde euch gleich Unbekannten abweisen müssen.

4

Nehmt nimmer kniebeugend Dank von eurem Nächsten an : solches ge' hört dem Geiste Wraldas. Neid würde euch bekriechen, Weisheit würde euch verlachen und meine Maiden würden euch des Vaterraubes bezichtigen.

5

Vier Dinge sind zu eurem Nutzen gegeben, mit Namen Luft, Wasser, Land und Leuer. Aber Wralda will deren alleiniger Besitzer sein. Darum rate ich euch, ihr sollet euch gerechte Männer kiesen, die die Arbeit und die Lrüchte nach Recht teilen, so daß niemand frei von Werken noch von Wehren sei.

6

So wenn da unter euch einer gefunden wird, der seine eigene Lreiheit ver kauft, der ift nicht von eurem Volke : er ift ein Horning1 mit Mischblut. Ich rate euch, daß ihr ihn und seine Mutter aus dem Lande auftreibt. Sagt das euren Kindern des Morgens, des Mittags und des Abends, bis sie davon träu' men des Nachts.

7

Jedweder, der einen anderen seiner Lreiheit beraubt - und wäre der an' dere ihm schuldig - muß sich am Kindzaum einer Sklavin führen lassen. Doch ich rate euch dazu, seine Leiche und die seiner Mutter an einer kahlen Stätte zu verbrennen, nachher ihre Asche fünfzig Luß in die Erde einzugraben, damit kein Grashalm darauf wachsen möge : denn solches Gras würde euch euer teuerftes Getier töten.

1 Horning = Hurenkind.

8

Greift nie das Volk Lydas noch Findas an. Wralda würde ihnen helfen, sodaß die Gewalt, die von euch ausginge, auf eure eigenen Häupter wieder kommen würde.

9

So wenn das möchte geschehen, daß sie von euch Rat oder etwas anderes wollen, so habt ihr ihnen zu helfen. Aber kommen sie zu rauben, fallt dann auf sie nieder gleich wie das blitzende Feuer.

10

So wenn einer von ihnen eine eurer Töchter zum Weibe begehrt und sie das will, dann sollt ihr ihre Torheit ihr bedeuten ; doch will sie dennoch ihrem Freier folgen, daß sie dann mit Frieden gehe.

11

Wollen eure Söhne eine von ihren Töchtern, dann müßt ihr also tun wie mit euren Töchtern. Doch weder die einen noch die anderen dürfen wieder' kehren ; denn sie würden ausheimische Sitten und Gepflogenheiten mitführen, und sobald diesen bei euch gehuldigt wird, mag ich nicht länger über euch wachen.

12

Auf meine Maid Fe^ta habe ich alle meine Hoffnung gebaut. Darum müs' set ihr sie zur Ehrenmutter nehmen. Folget ihr meinem Rat, dann wird sie fürder meine Maid bleiben und desgleichen alle volkswaltenden Maiden, die ihr folgen ; dann wird die Lampe nimmer ausgehen, die ich für euch angezün" det habe. Deren Licht wird dann ewig euer Denken erhellen und ihr werdet ewig frei bleiben von unfreier Gewalt wie eure süßen Ströme von dem salzigen Wasser der endelosen See.

T)ies hat "Vetta gesagt

Alle Satzungen, die eine Ewe (Jahrhundert) umlaufen mögen mit dem Kroder und seinem Jul, die mögen auf Rat der Mutter und bei gemei' nem Willen auf die Wände der Burg geschrieben werden ; sind sie auf die Wände geschrieben, so sind sie Ewa (Gesetze), und es i& unsere Pflicht, sie ah lesamt in Ehren zu halten. Kommt Not und Zwang, uns Satzungen zu geben,

widerstreitend unseren Gesetzen und Gepflogenheiten, so soll männiglich tun, wie sie heischen ; doch sind sie gewichen, so soll man immer zu den alten wie' derkehren. Das iSt Fryas Wille und das muß der ihrer Kinder sein.

‘Befta sagte :

Alle Dinge, die man anfangen will, welcher Art sie sein mögen, an dem Tage, da wir Frya gehuldigt haben, werden immer verkehrt ausgehen.« Nachdem die Zeit nun bewiesen hat, daß sie recht hatte, so iSt das ein Gesetz geworden, daß man sonder Not und Zwang am FryaStag nichts anderes tun soll als froh Fefte feiern.

' Dies sind die Qesetze, die zu den ‘Burgen gehören

1

So wenn irgendeine Burg gebauet ift, soll die Lampe an der ersten Lampe auf Texland angezündet werden. Doch dies darf nimmer anders als durch die Mutter geschehen.

2

Jede Mutter darf ihre eigenen Maiden kiesen : ebenso diejenigen, die auf den anderen Burgen als Mutter sind.

3

Die Mutter auf Texland mag ihre Nachfolgerin kiesen, doch wenn sie stirbt, ehe sie es getan, so muß dieselbe gekoren werden auf einer gemeinen Acht1, bei Rat von allen Staaten zusammen.

4

Die Mutter auf Texland mag einundzwanzig Maiden und sieben Spindel' mädchen haben, auf daß da immer sieben bei der Lampe mögen wachen, am Tage und in der Nacht ; bei den Maiden, die auf den anderen Burgen als Mut' ter dienen, ebenso viele.

1 Acht = Volks- oder Gerichtsversammlung in den \ / 8 (»acht«) Steinen der Steinsetzung (vgl. Heilige Urschrift, Haupt&ück 7).

5

So wenn eine Maid sich mit einem gatten will, soll sie es der Mutter meh den und stehenden Fußes zu den Menschen wiederkehren, ehe sie mit ihrem zugigen Atem das Licht verunreinigt.

6

Der Mutter und einer jeglichen Burgmaid soll man beigeben einundzwan' zig Burgherren, sieben alte Weisen, sieben alte Heerkämpen und sieben alte Seekämpen.

7

Davon sollen alle Jahre heimkehren dreie von jedweden Sieben, doch es darf ihnen niemand nachfolgen, der ihrer Sippschaft näher i^t als das vierte Knie.

8

Jedwede Burg darf dreihundert junge Burgwehrer haben.

9

Für diese Dienste sollen sie Fryas Rat und die anderen Gesetze lernen, von den weisen Männern die Weisheit, von den alten Heermännern die Kun^t des Krieges und von den alten Seekönigen die Fertigkeiten, welche für die Außenfahrt nötig sind.

10

Von diesen Wehrern sollen jährlich hundert zurückkehren : doch sind da welche gelähmt worden, so mögen sie auf der Burg verbleiben ihr ganzes Leben lang.

11

Bei der Küre der Wehrer darf niemand derer von der Burg eine Stimme haben, noch die Grevetmänner, noch andere Häuptlinge, sondern bloß das Volk allein.

12

Der Mutter auf Texland soll man geben dreimal sieben flinke Boten mit dreimal zwölf schnellen Rossen ; auf den anderen Burgen jeder Burgmaid drei Boten mit sieben Rossen.

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13

Auch soll jede Burgmaid haben fünfzig Ackerbauer durch das Volk geko' ren ; aber dazu darf man allein solche suchen, die nicht fähig und ftark für die Wehr noch für die Außenfahrt sind.

14

Eine jegliche Burg muß sich aushelfen und ernähren von ihrem eigenen Rundteil und von dem Teil, das sie von dem Marktgelde erhebt.

15

I^t da ein jemand gekoren um auf den Burgen zu dienen, und er will nicht, dann darf er nachher kein Burgherr werden und also nie eine Stimme haben. I^t er bereits Burgherr, so wird er die Ehre verlieren.

16

So wenn jemand Rat begehrt von der Mutter oder von einer Burgmaid, soll er sich melden bei dem Schreiber. Dieser bringt ihn zum Burgmei&er, für der zum Leetse, das ift der Heiler1 : der soll sehen, ob er auch heimgesucht ift von argen Seuchen. I& er gesund gesagt, dann entledigt er sich seiner Waffen und sieben Wehrer bringen ihn zur Mutter.

17

I^t es eine Sache über eine State, so dürfen nicht minder als drei Boten kommen ; ift es über ganz Fryasland, so müßten da noch dreimal sieben Zeu' gen bei sein, darum daß kein übles Vermuten sich erhebe noch Schalkheit getan werde.

18

Bei allen Sachen muß die Mutter obwalten und acht haben, daß ihre Kim der, das ift Fryas Volk, so maßvoll bleiben wie nur möglich ift. Das i& die größte ihrer Pflichten, und unser aller Pflicht i& es, ihr dabei zu helfen.

19

Hat man sie bei einer rechtlichen Sache angerufen, um einen Schieds' £j)ruch zu tun zwischen einem Grevetmann und der Gemeinde, und findet sie die Sache zweifelhaft, so soll sie zum Besten der Gemeinde frechen, auf daß da Friede komme, und dieweil es besser i&, daß einem Manne Unrecht getan werde als vielen.

1 Arzt.

20

Kommt einer um Rat und weiß die Mutter Rat, so hat sie den sogleich zu geben ; weiß sie sogleich keinen Rat, so mag sie warten sieben Tage.

21

Hat eine Mutter argen Rat gegeben aus üblem Willen, so soll man sie töten oder aus dem Lande treiben ^litternackt und bloß.

22

Sind die Burgherren mitpflichtig, dann tue man desgleichen mit ihnen.

23

Ift ihre Schuld zweifelhaft oder bloßes Vermuten, so muß man hierüber dingen und frechen, ift es nötig, einundzwanzig Wochen lang. Stimmt der Halbteil schuldig, so halte man sie für unschuldig ; zwei Drittel, so warte man noch ein volles Jahr. Stimmt man dann noch dermaßen, so möge man sie für schuldig halten, doch nicht töten.

24

So wenn da welche unter dem Drittel sind, die sie also sehr unschuldig wähnen, daß sie ihr folgen wollen, so mögen sie das tun mit all ihrer treiben' den und fahrenden Habe, und niemand hat sie darum gering zu achten, die' weil das Mehrteil ebensogut irren kann wie das Minderteil.

* * *

Qemeine Qesetze

1

Alle frei Geborenen sind auf gleiche Weise geboren. Darum müssen sie auch gleiche Rechte haben, ebensogut auf dem Lande als auf dem Ee, das ift Wasser, und auf allem, was Wralda gibt.

2

Jedwedes Mannsbild darf das Weib seiner Küre freien, und jede Tochter darf aber ihren Heiltrunk dem bieten, den sie minnt.

3

Hat jemand ein Weib genommen, so gibt man ihm Haus und Werf. Ift keins da, so muß es gebaut werden.

4

I^l er nach einem anderen Dorf gegangen um ein Weib und will er dort bleiben, dann muß man ihm allda ein Haus und Werf geben neb^t der Nutz' nießung der Hemrik1.

5

Jedwedem Mannsbild muß man ein Afterteil als Werf bei seinem Haus geben ; denn niemand mag ein Vorderteil bei seinem Hause haben, viel min' der einen Rundteil. Allein wenn jemand eine Tat getan hat zu gemeinem Nut' zen, so mag ihm das gegeben werden. Auch mag sein jüngster Sohn das erben. Nachdem muß das Dorf es wieder nehmen.

6

Ein jegliches Dorf soll eine Hemrik haben nach seinem Behuf und der Graf soll des warten, daß ein jeder seinen Teil dünget und gut hält, auf daß die Nachfahren keinen Schaden erleiden mögen.

7

Ein jegliches Dorf darf einen Markt haben zum Kauf oder Verkauf oder zum Tausch. All das andere Land soll Bau und Wald bleiben. Doch die Bäume darin darf niemand fällen sonder gemeinen Rat und sonder Wissen des Wald' grafen : denn die Wälder sind zu gemeinem Nutzen. Darum darf niemand deren Meister sein.

8

Als Marktgeld darf das Dorf nicht mehr nehmen als den elften Teil des (Markt-) Gutes, weder von den Einheimischen noch von den Ausheimischen. Auch darf der Marktschatz nicht eher verkauft werden als das andere Gut.

9

Alles Marktgeld muß jährlich geteilt werden, drei Tage vor dem Jultag in hundert Teile zu teilen.

10

Der Grevetmann mit seinen Grafen soll davon erheben zwanzig Teile ; der Marktrichter zehn Teile und seine Helfer fünf Teile ; die Volksmutter einen

1 Hemrik = gemeine Dorfmark.

Teil ; die Gaumutter vier Teile, das Dorf zehn Teile ; die Armen, das sind die, welche nicht arbeiten können oder vermögen, fünfzig Teile.

11

Diejenigen, die zum Markt kommen, dürfen nicht wuchern. Kommen da welche, so ist es die Pflicht der Maiden, sie kenntlich zu machen über das ganze Land, auf daß sie nimmermehr gekoren werden zu irgendeinem Amt : denn solche haben ein gieriges Herz. Um Schätze zu sammeln, würden sie alles ver raten, das Volk, die Mutter, ihre Sippen und zuletzt sich selber.

12

I& da einer so arg geworden, daß er sieches Vieh oder verdorbene Ware verkauft für heil gutes, so muß der Marktrichter ihm wehren und die Maiden müssen ihn nennen über das ganze Land.

* * *

In früheren Zeiten hauste Findas Volk mei^t allesamt in seiner Mutter Ge' burtsland, mit Namen Aldland, das nun unter See liegt. Sie waren also weitab. Darum hatten wir auch keinen Krieg. Als sie vertrieben worden sind und hierher kamen, um zu rauben, da kam von selber Landwehr, Heermänner, Könige und Kriege, und aus denen kamen Satzungen und aus den Satzungen kamen Gesetze.

* * *

"Hier folgen die Qesetze, welche daraus geworden sind :

1

Jeder Fryas (Friese) muß Beleidigern oder Feinden wehren mit solchen Waffen, als er zu ersinnen, bekommen und führen vermag.

2

Ift ein Bube zwölf Jahre, so muß er den siebenten Tag seiner Lehrzeit mis" sen, um der Waffen kundig zu werden.

3

Ift er dessen kundig geworden, so gebe man ihm Waffen, und er wird zum Wehrer geschlagen.

©

4

I^l er drei Jahre Wehrer, so wird er Burgherr, und er darf helfen, seinen Hauptmann zu kiesen.

5

I^l er sieben Jahre Kürer, so darf er helfen, einen Heermann oder König zu kiesen, dazu auch gekoren werden.

6

Alle Jahre muß er wieder gekoren werden.

7

Außer dem König dürfen alle Amtmänner wieder gekoren werden, die recht tun und nach Fryas Rat.

8

Kein König darf länger als drei Jahre König bleiben, auf daß er nicht be' kleiben möge.

9

Hat er sieben Jahre geruht, so darf er wieder gekoren werden.

10

I^t der König durch den Feind gefallen, so dürfen seine Sippen nach dieser Ehre dingen.

11

I^t er zu seiner Zeit abgegangen oder binnen seiner Zeit gestorben, so darf keine Sippe ihm nachfolgen, die ihm näher i& als das vierte Knie.

12

Die, welche streiten mit Waffen in ihren Händen, können nichts ersinnen und weise verbleiben : darum fügt es sich, daß kein König Waffen führt in dem Streit. Seine Weisheit muß seine Waffe und die Liebe seiner Kämpen muß sein Schild sein.

* * *

"Hier sind die Rechte der i Mütter und der "Könige

1

So wenn Krieg kommt, sendet die Mutter ihre Boten zu dem König, der König sendet Boten zu den Grevetmännern um Landwehr.

2

Die Grevetmänner rufen alle Burgherren zusammen und beraten, wie' viele Männer sie sollen beisteuern.

3

Alle Beschlüsse derselben müssen sofort zu der Mutter gesandt werden mit Boten und Zeugen.

4

Die Mutter läßt alle Beschlüsse sammeln und gibt die Gültezahl, das iSt die Mittelzahl aller Beschlüsse zusammen. Hiermit muß man fürs erSte Frie' den haben und der König desgleichen.

5

Steht die Wehr im Kampfe, dann braucht der König alleinig mit seinen Hauptmännern zu beraten, doch da müssen immerhin drei Burgherren der Mutter Vorsitzen sonder Stimme. Die Burgherren müssen täglich Boten zu der Mutter senden, auf daß sie wissen möge, ob da etwas getan wird, wider streitend den Gesetzen oder Fryas Ratgebung.

6

Will der König etwas tun und seine Räte nicht, so darf er sich dessen nicht unterstehen.

7

Kommt der Feind unwehrlich1, so muß man tun, so wie der König gebie' tet.

8

ISt der König nicht auf dem Pfad, so muß man seinem Folger gehorsam sein oder dem, der diesem folgt, also weiter bis zum letzten.

9

ISt kein Hauptmann da, so kiese man einen.

10

ISt dazu keine Zeit, so werfe er sich zum Hauptmann auf, der sich dessen mächtig fühlt.

1 Unwiderstehlich.

©

Hat der König ein gefährdliches Volk abgeschlagen, so mögen seine Nach' fahren seinen Namen hinter dem ihrigen führen. Will der König, so mag er auf einer unbebauten Stätte eine Stelle auswählen zu einem Haus und Werf. Der Hof mag ein Rundteil sein, so groß, daß er nach allen Seiten siebenhun' dert Tritte von seinem Haus aus laufen mag, ehe er an seinen Rain kommt.

12

Sein jüngster Sohn darf das Gut erben, nach ihm dessen jüngster; dann soll man es wieder nehmen.

* * *

Odier sind die 'Rechte aller 'Friesen, um sicher zu sein

1

So wenn Gesetze gemacht werden oder neue Satzungen zusammengestellt, muß es zu gemeinem Nutzen geschehen, aber nimmer zum Vorteil einzelner Geschlechter, noch einzelner Staaten, noch von etwas, das einzel sei.

2

So wenn Krieg kommt und es werden Häuser zerstört oder Schiffe, wie es auch sei, sei es durch einen Feind oder bei gemeinem Rate, so hat die ge' meine Gemeinde, das iSt all das Volk zusammen, das wieder zu heilen : darum, daß niemand die gemeine Sache werde verlieren helfen, um sein eigenes Gut zu behalten.

3

ISt Krieg vorübergegangen und sind da welche so verstümmelt, daß sie nicht länger arbeiten können, so muß die gemeine Gemeinde sie unterhalten ; bei den FeSten gehören sie vorne zu sitzen, auf daß die Jugend sie ehren soll.

4

Sind da Witwen und Waisen gekommen, so muß man sie auch unterhal' ten, und die Söhne dürfen die Namen ihrer Väter auf ihren Schilden schreiben, ihrem Geschlechte zu Ehren.

1 Das kein Ackerland, nicht unter dem Pfluge iSt.

5

Sind da welche vom Feinde gefaßt und kommen sie zurück, so muß man sie ferne von dem Kampfplatz abführen, denn sie möchten freigelassen sein unter argen Gelübden, und dann mögen sie ihre Gelübde nicht halten und doch ehrlich bleiben.

6

Falls wir selber Feinde fassen, so führe man sie tief in das Land fort : man lehre sie unsere freien Sitten.

7

Läßt man sie nachher laufen, so läßt man das mit Güte durch die Maiden tun, auf daß wir Genossen und Freunde gewinnen ftatt Hasser und Feinde.

VAAAAAAAAAAAAA/V

Aus minnos Schriften

o wenn da ein Mann ift, dermaßen arg, daß er unsere Nachbarn beraubt,

Mordtaten tut, Häuser brennt, Jungfrauen schändet, was es auch sei, das arg Ut, und unsere Blutsgenossen wollen das gerächt haben, so ift es recht, daß man den Täter fasse und in ihrer Gegenwart töte, auf daß darüber kein Krieg komme, wodurch Unschuldige büßen würden für den Schuldigen. Wollen sie ihn den Leib behalten und die Rache abkaufen lassen, so mag man das gewälr ren. Doch ift der Mörder ein König, Grevetmann, Graf oder was es sei, der über die Sitten wachen soll, so müssen wir das Übel bessern, aber er muß seine Strafe haben. Führt er einen Ehrennamen auf seinem Schilde von seinen Ahnen, so dürfen seine Sippen diesen Namen nicht länger führen, darum daß die eine Sippe Sorge haben soll über die Gesittung der anderen.

Qesetze für Steurer

Steurer ift ein Ehrenname der Außenfahrer

1

Alle Fryassöhne haben gleiche Rechte, darum mögen alle flinken Knaben sich selbst als Außenfahrer melden bei dem Altmann, und dieser darf sie nicht abweisen, es wäre denn, daß keine Stelle da UL

2

Die Steurer dürfen ihre eignen Meister ernennen.

3

Die Kaufleute müssen gekoren und benannt werden durch die Gemeinde, der das Gut gehört, und die Steurer dürfen dabei keine Stimme haben.

4

Falls man auf einer Reise befindet, daß der König arg oder unfähig iff, so dürfen sie einen anderen nehmen. Kommen sie wieder zurück, so mag der König sich bei dem Altmann beklagen.

5

Kommt die Flotte wieder heim und sind Gewinne da, so müssen die Stern rer davon einen dritten Teil haben, folgendermaßen zu teilen : der Weißkönig zwölf Mannefteile, der Schult -bei -Nacht sieben Teile, die Bootsmänner jeder zwei Teile, die Schiffer jeder drei Teile, das andere Schiffsvolk einen Teil ; die jüngsden Schiffsjungen jeder ein Drittel, die mittleren jeder einen Halbteil und die Älteffen jeder einen Zweidrittelteil.

6

Sind welche da gelähmt worden, dann muß die gemeine Gemeinde sorgen für ihren Leib ; auch müssen sie vorne sitzen bei den allgemeinen Feffen, bei häuslichen Feffen, ja bei allen Feffen.

7

Sind sie auf einem Zuge umgekommen, so müssen ihre Nächffen ihren Teil erben.

8

Sind davon Wittwen und Waisen gekommen, so muß die Gemeinde sie unterhalten ; sind sie in einem Kampfe gefallen, so dürfen die Söhne den Namen ihrer Väter auf ihren Schilden führen.

9

Iff ein Jungffeurer dahingefahren, so müssen seine Erben einen ganzen Manneffeil haben.

10

War er verbrochen, so darf seine Braut sieben Manneffeile heischen, um ihrem Friedei einen Stein zu weihen, aber dann muß sie für diese Ehre Witwe bleiben lebenslang.

11

So wenn eine Gemeinde eine Flotte ausrüffet, müssen die Reeder sorgen für beffe Leibzehrung und für die Weiber und Rinder.

O

Wenn ein Steurer abgelebt und arm ift, und er hat weder Haus noch Hof, so muß ihm das gegeben werden. Will er kein Haus und Hof, so dürfen seine Freunde ihn ins Haus nehmen, und die Gemeinde muß das bessern nach sei' nem Staat, es wäre denn, daß seine Freunde diesen Vorteil weigern.

* * *

Odierunter sind drei 'Wissen , darnach sind diese Satzungen gemacht

1

Ein jeder weiß, daß er seinen Behuf haben muß ; aber wird einem seinen Behuf vorenthalten, so weiß niemand, was er tun soll, um seinen Leib zu be' halten.

2

Alle gesunden Menschen werden gedrungen, Kinder zu zeugen : wird dem gewehrt, so weiß niemand, was Arges darob kommen kann.

3

Ein jeder weiß, daß er frei und ungeletzet will leben und daß andere das auch wollen.

Um sicher zu sein, sind diese Satzungen und Rechtsbe&immungen ge' macht. Das Volk Findas hat auch Satzungen und Rechtsbesdimmungen, jedoch diese sind nicht nach dem Recht, sondern allein zum Nutzen der Priester und Fürsten. Demzufolge sind ihre Staaten voller Zwie^alt und Mord.

* * *

1

So wenn jemand Not hat und er kann sich selbst nicht helfen, so müssen die Maiden dies zur Kenntnis des Grafen bringen, derhalben weil es sich für einen stolzen Fryas (Friesen) nicht fügt, dies selber zu tun.

2

So wenn jemand arm wird, dadurch daß er nicht arbeiten will, so muß er aus dem Lande ausgetrieben werden. Denn die Feigen und Trägen sind lästig und Arges denkend, darum soll man ihnen wehren.

3

Jeglicher junger Mann soll eine Braut suchen, und iSt er fünfundzwanzig Jahr, so soll er ein Weib haben.

4

Ist jemand fünfundzwanzig Jahr und hat er noch keinen Ehegatten, so soll man ihm sein Haus verwehren. Die Knaben sollen ihn meiden. Nimmt er dann noch keinen Ehegatten, so soll man ihn totsagen, auf daß er aus dem Lande fortziehe und hier kein Ärgernis geben mag.

5

ISt einer unvermögend, dann soll er es offenbar sagen, daß niemand vor ihm zu fürchten noch sich vorzusehen hat. Alsdann mag er kommen, wo er will.

6

Verübt er nachdem Hurerei, so darf er fliehen ; flieht er nicht, so wird er der Rache der Betrogenen überlassen und niemand darf ihm helfen.

7

So wenn jemand einiges Gut hat und einem anderen gefällt es dergestalt, daß er sich daran vergreift, so muß er das dreifach vergelten ; Stiehlt er dann noch einmal, so muß er nach den Zinnlanden1. Will der BeStohlene ihn frei' geben, so mag er das tun. Aber geschieht es wieder, so darf niemand ihm Frei' heit geben.

* * *

‘Diese ‘Bestimmungen sind gemacht für neidigliche ^Menschen

1

So wenn jemand in haStigem Mute oder aus Neid (Zorn) eines anderen Glieder bricht, ein Auge ausStößt oder einen Zahn, wie es sei, so muß ein Lei-

1 Britannien.

diger zahlen, was der Geleidigte heischt. Kann er das nicht tun, so muß an ihm offenkundig getan werden, was er dem anderen tat. Will er das nicht aus' Stehen, so soll er sich zu seiner Burgmaid wenden, ob er in den Eisen- oder Zinnlanden arbeiten darf, bis seine Schuld getilgt iät nach der gemeinen Rechts Satzung.

2

So wenn jemand so arg befunden wird, daß er einen Fryas fällt, so muß er es mit seinem Leib büßen. Kann seine Burgmaid ihm für allezeit nach den Zinnlanden helfen, so darf sie es tun.

3

So wenn der Mörder beweisen kann mit erkannten Zeugnissen, daß es durch Unglück geschehen iät, so wird er frei sein ; aber geschieht es noch ein' mal, so muß er doch nach den Zinnlanden, auf daß man dadurch vermeide unehrenhafte Rache und Fehde.

* * *

'Dies sind die 'Rechtssatzungen für Odorningen1

1

Wer auf das Haus eines anderen aus Neid den roten Hahn setzt, iät kein Fryas ; er iät ein Horning mit verbaätertem Blute. Kann man ihn auf frischer Tat ertappen, so muß man ihn ins Feuer werfen. Er darf fliehen, so er kann, doch nirgends soll er sicher sein vor der rächenden Hand.

2

Kein rechter Fryas soll über die Fehlschläge seines Nächsten schwatzen noch reden. Iät einer missetätig wider sich selber, aber nicht gefährlich für einen anderen, so mag er sich selbät richten. Wird er so arg, daß er gefährlich wird, so muß man es dem Grafen klagen. Aber iät da einer, der einen anderen hinterrücks zeihet, anstatt es bei dem Grafen zu tun, so iät er ein Horning. Auf dem Markt soll er an einen Pfahl gebunden werden, so daß das junge Volk ihn anäj?eien kann. Darauf leite man ihn über die Grenzen, aber nicht nach den Zinnlanden, dieweil ein Ehrenräuber auch da zu fürchten iät.

1 Horning = Hurenkind.

©

3

So wenn da irgendeiner so arg wäre, daß er dem Feinde verriete, Pfade und Nebenpfade wiese, um zu unseren Fluchtburgen zu gelangen, oder sich zur Nacht hineinzuschleichen, derselbe wäre gezeugt aus Findas Blut. Ihn würde man verbrennen müssen. Die Seeleute sollten seine Mutter und seine Sippen nach einer fernen Insel bringen und daselbst seine Asche stäuben, auf daß daraus keine giftigen Kräuter wachsen können. Die Maiden sollen seinen Namen verwünschen über alle Staaten, auf daß kein Kind seinen Namen er halte und die Alten ihn verwerfen mögen.

* * *

Krieg war verzogen, aber Not war an seiner Statt gekommen. Nun gab es drei Menschen, deren jeder einen Sack Korns ftahl von absonderli' chen Eignern. Doch sie wurden alle gefaßt. Nun ging der ersde hin und brachte den Dieb zum Schulten. Die Maiden darob ^rechend sagten allewege, daß er nach dem Rechte getan hätte. Der andere nahm dem Dieb das Korn weg und ließ ihn fürder mit Frieden. Die Maiden sagten, er hätte wohl getan. Aber der Dritte Eigner ging hin zu dem Hause des Diebes. Als er nun sah, wie Not ihren Sessel aufgeftellt hatte, da ging er zurück und kehrte wieder mit einem Wagen voller Notdurft, damit er die Not von dem Herd vertriebe. Fryas Maiden waren bei ihm einhergegangen und hatten seine Tat in das ewige Buch ge' schrieben, derweilen sie alle seine Mängel ausgewischt hatten. Der Ehrenmut' ter ward es gesagt, und sie ließ es kundmachen durch das ganze Land.

Nützliche Sachen aus den nachgelassenen Schriften tMinnos

Minno war ein alter Seekönig, Seher und Weisgieriger. Den Kretensern hat er Gesetze gegeben. Er ift geboren an den Lindaorten, und nach all seinem Widerfahren hat er das Glück genossen, in Lindaheim zu Sterben.

* * *

So wenn unsere Nachbarn ein Teil Land oder Wasser haben, das uns gut scheint, so fügt es sich für uns, daß wir es zu Kauf fragen ; wollen sie das nicht

©

tun, dann muß man sie das behalten lassen. Das ift nicht Fryas Rat, und es würde Unrecht sein, es abzuhändigen.

*

So wenn Nachbarn zusammen keifen und streiten über andere Sachen als Land, und sie bitten uns, ein Urteil zu frechen, so soll man das lieber unter bleiben lassen. Doch wenn man da nicht umhin kann, so soll man das ehrlich und rechtfertig tun.

Kommt da jemand und sagt : »Ich habe Krieg, nun müßt ihr mir Helfen«, oder ein anderer kommt und sagt : »Mein Sohn i^t unjährig und unfähig, und ich bin alt ; nun will ich dich zum Vormund über ihn und über mein Land stellen, bis er jährig sei«, - so hat man das zu verweigern, auf daß wir nicht in Zwift kommen mögen über Sachen, widerstreitend unseren freien Sitten.

So wenn da kommt ein ausländischer Kaufmann auf den zugelassenen Markt zu Wyringen oder zu Almanland und er betrügt, so wird ihm sofort Marktbuße auferlegt und er durch die Maiden über das ganze Land kennbar gemacht. Kommt er dann zurück, so soll niemand von ihm kaufen : er soll sich davonmachen, so wie er gekommen iSt. Desgleichen, so wenn Kaufleute gekoren werden, um zu Markt zu gehen oder mit der Flotte zu fahren, so hat man allein solche zu kiesen, die man Zug um Zug kennt und die in einem guten Rufe Stehen bei den Maiden. Geschieht es trotz alledem, daß ein arger Mann sich darunter befindet, der die Leute betrügen will, so haben die ande' ren dem zu wehren. Hat er es schon getan, so muß man das bessern und den Missetäter aus den Landen bannen, auf daß unser Name überall mit Ehren genannt werden soll.

Aber wenn wir uns auf einem ausländischen Markt befinden, sei es nah oder fern, und es geschieht, daß das Volk uns Leid tut oder beStiehlt, so haben wir mit hurtigem Sinne zuzuschlagen ; denn, obschon wir alles tun um des Friedens willen, unsere Halbbrüder dürfen uns niemals gering achten noch wähnen, daß wir ängstlich sind.

* * *

In meiner Jugend habe ich wohl einmal gemurrt über die Banden der Ge' setze ; nachher habe ich Frya oftmals gedankt für ihren Rat und unseren Ahnen für die Gesetze, die darnach geschaffen sind, Wralda ober der Alk ernährer hat mir viele Jahre gegeben, über viele Lande und Seen bin ich um' gefahren und nach allem, was ich gesehen habe, bin ich überzeugt, daß wir allein von dem Allernährer auserkoren sind, Gesetze zu haben. Lydas Volk vermag weder Gesetze zu machen noch zu halten : sie sind zu dumm und zu wild dazu. Viele Geschlechter Findas sind klug genug, aber sie sind gierig, hochfährtig, falsch, unkeusch und mordsüchtig. Poggen blähen sich selber auf, und sie können nichts als kriechen. Frösche rufen »werk, werk«, aber sie tun nichts als hüpfen und Possen reißen. Die Raben rufen »äj)ar, ^J?ar«, aber sie stehlen und verschlingen alles, was unter ihren Schnabel kommt. Allen denen gleich ift das Findavolk : sie rühmen sich laut der guten Gesetze. Ein jeder will Satzungen machen, um dem Übel zu wehren, aber selber will niemand dadurch gebunden sein. Derjenige, dessen Geiät der liftig&e i& und dadurch der ^tärk^te, dessen Hahn kräht König, und die anderen müssen alleweg seiner Gewalt unterworfen sein, bis ein anderer kommt, der ihn von seinem Sessel vertreibt.

Das Wort »Ewa«1 i& zu heilig, um eine gemeine Sache zu nennen. Darum hat man uns gelehrt, »evin« zu sagen. »Ewa« bedeutet »Setma« (Satzungen), die bei allen Menschen gleicherweise in ihrem Gemüt eingegraben sind, auf daß sie mögen wissen, was recht und unrecht Nt, und wodurch sie Gewalt haben, ihre eigenen Taten und die anderer zu berechten, das will sagen, inso' fern sie gut und nicht missetätig sind.

Auch i^t noch ein anderer Sinn damit verbunden. »Ewa« sagt auch Ee- gleich, wassergleich, recht und schlecht wie Wasser, das durch keinen Sturm' wind oder etwas anderes verstört Nt. Wird das Wasser verstört, so wird es »unewa«2 (uneben), unrecht (ungrade), aber es neigt »ewig« dazu wieder »eben« zu werden. Das liegt an seiner Vonselbftigkeit, wie die Neigung zu Recht und Freiheit in allen Fryaskindern liegt. Diese Neigung haben wir durch

i Gesetz.

2 Wortspiel zwischen ivin, iven, even, evene, evna, efna, wesdfriesisch ewa, ewen = »eben« und ä, e, ewe, ewa = Gesetz« und ä, e = »Wasser« aus Altsächsisch, Althochdeutsch aha, angelsächsisch ea usw.

©

Wraldas GeUt, unseres Vaters, der in Fryas Kindern laut ^»richt : Darum wird sie in uns auch ewig bekleiben.

»Ewa« (ewig) i& auch das andere Sinnbild des Geistes Wraldas, der ewig recht1 und unver&ört bleibt, obschon es in seinem Leib2 arg zugeht. Ewig und unverftört sind die Merkmale der Weisheit und Gerechtigkeit, die von allen frommen Menschen gesucht und von allen Richtern besessen werden müssen. Wollen die Menschen also Gesetz- und Rechtssatzungen machen, die allein gut bleiben und alleweg, so müssen sie gleich sein für alle Menschen. Nach diesen Gesetzen gehört es den Richtern, ihr Urteil zu verkünden.

I^t da einiges Übel getan, derob keine Gesetze geschaffen sind, so muß man eine gemeine Acht3 belegen. Da urteile man nach dem Sinne, den Wrah das GeUt in uns kündet, um über alles gerecht zu berechten. Tun wir derma' ßen, so wird unser Urteil nimmer fehlschlagen. Tut man nicht recht, aber unrecht, so erhebt sich Zwi^t und Zwie^>alt unter den Menschen und Staaten ; daraus ^»rießt inländischer Krieg, wodurch alles zerstört und verdorben wird.

Aber, o Dummheit, dieweil wir so tun und einander schaden, kommt das neidische Volk Findas mit seinen falschen Priestern, eure Habe zu rauben, eure Töchter zu schänden, eure Sitten zu verderben und zuletzt die Sklaven' bande um jedwedens freien Hals zu schlingen.

* * *

1 recht = »gerade«

2 Die Welt.

3 Volks- oder Gerichtsversammlung, vgl. Fußnote Seite 20.

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AUS DEN SCHRIFTEN VON ADELBROST

UND APOLLONIA

Die ältere Lehre, die geritzt iff auf die Außenwand der Burgtürme, iff nicht abgeschrieben in dem Buch der Adela-Folger. Warum dies un" terblieben iff, weiß ich nicht zu schreiben. Doch dies Buch iff mein eigen : darum will ich diese darin setzen, meinen Magen zu Willen.

filtefle 'Lehre

Allen Gutes minnenden Fryaskindern sei Heil!

Denn dadurch wird es selig werden auf Erden : lehre und künde den Vök kern. - Wralda iff das Allerälteffe und Überalterte, denn Es schuf alle Dinge. Wralda in alles in allem, denn Es1 in ewig und unendlich. Wralda in überall einwärtig, aber nirgends zu besehen : darum wird dies Wesen Gein geheißen. Alles, was wir von Ihm sehen können, sind die Geschöpfe, die durch sein Leben kommen und wieder hingehen : denn aus Wralda kommen alle Dinge und kehren alle Dinge wieder. Aus Wralda kommt der Anfang und das Ende, alle Dinge gehen in ihm auf. Wralda in das eine allmächtige Wesen, denn alle andere Macht in von ihm entliehen und kehret zu Ihm wieder. Aus Wralda kommen alle Kräfte, und alle Kräfte kehren zu Ihm zurück. Darum in Er ah lein das schaffende Wesen, und da in nichts geschaffen außer Ihm.

Wralda legte ewige Satzungen, das sind Gesetze, in all das Geschaffene, und es gibt keine guten Gesetze, sie seien denn danach gebildet. Aber obschon

1 'Wralda is ella in ella, hwand thet is evg and unendlik. Hier erscheint der Name des Weh tengeisdes als Abstraktum noch als Neutrum, sächlich, wie das vorchrisdliche germanische »Gott«, das auch im Altnordischen noch sächlich war und ersd durch die Chrisdianisierung orientalisch-mediterran »männlich« wurde. Das weitere hi (»er«) im Text erweist daher die Hand der Späteren Abschreiber.

©

alles in Wralda Ut, die Bosheit des Menschen i^t nicht in Ihm. Bosheit kommt durch Trägheit, Unachtsamkeit und Dummheit.

Wralda i^t die Weisheit, und die Gesetze, die sie geschaffen hat, sind die Bücher, aus denen wir lernen können, und es i^t keine Weisheit zu finden noch zu sammeln außer dieser. Die Menschen können viele Dinge sehen, aber Wralda sieht alle Dinge. Die Menschen können viele Dinge erschließen, aber für Wralda i^t alles geöffnet. Die Menschen sind männlich und gebährlich1, aber Wralda schuf beide. Die Menschen minnen und hassen, aber Wralda ift allein gerecht. Darum ift Wralda allein gut, und es gibt nichts Gutes außer Ihm.

Mit dem Jul wandelt und wechselt alles Geschaffene, aber das Gute ift ah lein unveränderlich. Dadurch, daß Wralda gut isf, kann Er auch nicht veräir dern, und weil Er bleibt, darum i& Er allein Wesen und alles andere i& Schein.

T)er zweite Teil der älteren Tehre

nter Findas Volk gibt es Wahnweise, die durch Überfindigkeit so arg

W geworden sind, daß sie sich selber weismachen und die Eingeweihten überzeugen, daß sie der be&e Teil des Geistes Wraldas sind und daß Wralda allein vermag zu denken durch Hilfe ihres Gehirnes.

Daß jedes Geschöpf ein Teil von Wraldas unendlichem Wesen ift, das haben sie von uns ergafft.

Aber ihre falschen Reden und ihre zügellose Hochfährtigkeit haben sie auf einen Irrweg gebracht. Wäre ihr GeUt Wraldas GeUt, so würde Wralda ganz dumm sein, £tatt licht und weise. Denn ihr Gei^t müht sich immer ab, um schöne Bilder zu machen, welche sie ^J?äter anbeten. Aber Findas Volk ift ein arges Volk, denn obschon die Wahnweisen sich selbst weismachen, daß sie Götter seien, so haben sie für die Uneingeweihten falsche Götter geschaffen, um alleweg zu verkünden, daß diese Götter die Welt geschaffen haben, mit allem, was darin ift, gierige Götter, voll Neid und Zorn, welche geehrt und ge' dienet sein wollen von den Menschen, die Blut und Opfer wollen und Schat' zung heischen. Aber diese wahnweisen falschen Männer, die sich selber Got-

1 Weiblich.

tesschalke1 oder Priester nennen lassen, erheben, sammeln und raffen alles für die Götter, die nicht da sind, um es selber zu behalten. Alles das betreiben sie mit weitem Gewissen : weil sie sich selber Götter wähnen, die niemandem Verantwortung schuldig sind.

Sind da welche, die ihre Ränke ahnen und offenkundig machen, so wer ben sie von ihren Rackern gefaßt und um ihrer Lästerung verbrannt, alles mit vielen feierlichen Gepflogenheiten, ihren falschen Göttern zu Ehren.

Aber in Wahrheit, damit sie ihnen nicht schaden sollen2.

* * *

amit unsere Kinder gewappnet sein mögen gegen ihre abgöttische

Lehre, sollen die Maiden sie auswendig lernen lassen, was hier folgen

wird :

Wralda war eher als alle Dinge, und nach allen Dingen wird Er sein. Wralda iSt also ewig, und Er iSt unendlich, darum iSt nichts außer Ihm. Durch und aus Wraldas Leben wurde Zeit und alle Dinge geboren, und Sein Leben nimmt die Zeit und alle Dinge weg.

Diese Sachen müssen klar und offenkundig gemacht werden auf alle

Weise, so daß sie es auch anderen bedeuten und beweisen können. ISt es nun soweit gewonnen, dann sage man fürder :

Was also unseren Umfang betrifft, sind wir ein Teil von Wraldas unendlr chem Wesen, wie der Umfang alles Geschaffenen ; doch was unsere Gestalt angeht, unsere Eigenschaften, unseren GeiSt und alle unsere Bedenkungen, diese gehören nicht zu dem Wesen. Dies alles sind flüchtige Dinge, die durch Wraldas Leben erscheinen, doch durch Seine Weisheit dergestalt und nicht anders erscheinen. Aber weil Sein Leben Stetig weitergeht, kann nichts an sei' ner Stätte bleiben. Darum verwechseln alle geschaffenen Dinge ihre Stätte, Ge' Stalt und auch ihre Denkweise. Darum darf Irtha (Erde) selbst noch irgendein Geschöpf sagen : »ich bin«, aber wohl : »ich war«. Auch soll kein Mensch sagen : »ich denke«, sondern bloß : »ich dacht«.

1 Gottesknechte.

2 Hier spricht der friesische Humanist, der Schreiber von Kodex C, mit, unter Eindruck der Glaubensverfolgungen durch die Spanische Inquisition.

©

Der Knabe ift größer und anders, als da er ein Kind war. Er hat anderes Begehren, andere Sucht und Denkweise. Der Mann und Vater i& und denkt anders, als da er ein Knabe war. Desgleichen die Altbetagten. Das weiß ein jeder.

So wenn ein jeder nun weiß und gestehen muß, daß er allein wechselt, so muß er auch dazu gestehen, daß er jeden Augenblick wechselt, auch dieweil er sagt : »ich bin«, und daß seine Gedankenbilder wechseln, dieweil er sagt : »ich denke«.

Anstatt daß wir den argen Findas dermaßen unwürdig nachschwatzen und reden »ich bin« oder gar »ich bin der be&e Teil Wraldas, ja durch uns ah lein vermag Er zu denken«, so wollen wir künden überall und allewege, wo es nötig sei :

Wir, Fryas Kinder, sind Erscheinungen durch Wraldas Leben, beim An' fang gering und bloß, doch immer werdend und näherend der Vollkommen" heit, sonder je so gut zu werden als Wralda selber. Unser GeUt ift nicht Wraldas GeUt; er ift hiervon allein ein Abschein.

Da Wralda uns schuf, hat Er uns in Seiner Weisheit Hirn, Sinne, Gedacht' nis und viele gute Eigenschaften verliehen. Hiermit können wir Seine Ge" schöpfe und Seine Gesetze betrachten. Davon können wir lernen und darüber können wir reden, alles und allein zu unserem eigenen Heil. Hätte Wralda uns keine Sinne gegeben, so würden wir von nichts wissen, und wir würden noch hilfloser sein als eine Seequalle, die fortgetrieben wird durch Ebbe und durch Flut.

* * *

Dies fteht auf Schreibfilz geschrieben : Rede und Antwort den anderen Maiden zu einem Vorbilde.

Ein ungeselliger geiziger Mann kam zu Trosfl, die Maid war zu Stavia, um sich zu beklagen. Er sagte, Unwetter hätte sein Haus weggeführt. Er hätte zu Wralda gebetet, aber Wralda hätte ihm keine Hilfe verliehen. »Bift du ein ech" ter Fryas«, fragte Troft. »Von Eltern auf Eltern«, antwortete der Mann. »Dann«, sagte sie, »will ich etwas in dein Gemüt säen, im Vertrauen, daß es

keimen, wachsen und Früchte tragen mag.« Fürder Sprach sie und sagte : »Als Frya geboren ward, Stand unsere Mutter da, nackt und bloß, ungeschützt gegen die Strahlen der Sonne. Da erwirkte Wralda in ihrem Gemüte Neigung und Liebe, AngSt und Schrecken. Sie sah um sich : ihre Neigung wählte das BeSte und sie suchte Schutz unter der schirmenden Linde. Aber Regen kam, und sie wurde naß. Jedoch hatte sie gesehen, wie das Wasser an den Blättern herabträufelte. Nun machte sie ein Dach mit abhängenden Seiten, auf Staken machte sie das. Aber Sturmwind kam und blies den Regen darunter. Nun hatte sie gesehen, daß der Stamm Schutz gab. Demnach ging sie hin und machte eine Wand von Schollen und Soden, erSt an einer Seite und fürder an allen Seiten. Sturmwind kam zurück, wütender als bevor, und blies das Dach weg. Doch sie klagte nicht über Wralda noch wider Wralda, sondern sie machte ein Röhrichtdach und legte Steine darauf. Als sie befand, wie hart es isL, sich allein plagen zu müssen, bedeutete sie ihren Kindern, wie und weshalb sie es getan hätte. Die wirkten und dachten zusammen. Auf solche Weise sind wir zu einem Hause mit einer schützenden Linde wider die Sonnenstrahlen gekonr men. Zuletzt haben sie eine Burg gemacht und fürder alles andere.

ISt dein Haus nicht Stark genug gewesen, so mußt du versuchen, es besser zu machen.«

»Mein Haus war Stark genug«, sagte er, »aber das hohe Wasser hat es auf' gehoben und Sturmwind hat das andere getan.« »Wo Stand dein Haus dann«, fragte TroSt. »Längs des Rheines«, sagte der Mann. »Stand es dann nicht auf einem Nol oder einer Terp«, fragte TroSt. »Nein«, sagte er, »mein Haus Stand einsam am Ufer ; allein habe ich es gebaut, aber ich konnte allein dort keine Terp machen.« »Ich wußte es wohl«, sagte TroSt, »die Maiden haben es mir berichtet. Du haSt all dein Leben einen Widerwillen gegen die Menschen ge' habt, aus Furcht, daß du etwas geben oder für sie tun müßtest. Doch damit kann man nicht weit kommen. Denn Wralda, der mild iSt, kehret sich von den Geizigen ab. FeSta hat es uns geraten und über den Toren aller Burgen Steht es geschrieben : ‘BiSt du arg nutzbedachf, sagte FeSta, ‘behüte dann deine Näch' Sten, hilf dann deinen Nächsten, so werden sie es wieder tun.’ - ISt dieser Rat nicht genug, ich weiß für dich keinen besseren.«

Schamrot ward der Mann und er zog Still von dannen.

©

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AUS DEM BUCHE DER FOLGER ÄDELAS

'Was hierunten fleht, in die 'Wände der 'Waraburg geritzt1

Zeit kam : dieser isd der Kroder, der ewig mit dem Jul umlaufen muß. Darnach hat Frya die Standschrift gemacht, die sie gebrauchte zu ihrem Tex (Rat). Als FeSta Ehrenmutter war, hat sie die Runschriff oder laufende Schrift davon ge' macht. Der Weißkönig, das iSt Seekönig, Godfried der Alte, hat davon die ab' sonderlichen Zahlnenner (Zahlzeichen) gemacht für Stand- und Runschriff beide. Darum iSt es nicht zuviel, daß wir jährlich einmal derenthalben FeSt feiern. Wir dürfen Wralda ewig Dank weihen, daß er seinen GeiSt so Stark über unsere Ahnen hat fahren lassen.

1 Hierzu vergleiche man die Abbildungen der Handschrift, Faksimile Nr. III. Die Runen" buchslaben wurden von mir in unsere heutigen Schriftzeichen übertragen, wobei die synr bolische Sechszahl der Buchstaben der drei altfriesischen Namen nicht beibehalten werden konnte, wohl aber entbrechend dem Lautwert um das Julrad geschrieben wurde.

In ihrer Zeit hat Finda auch eine Schrift erfunden, aber das war so hoch' fahrend und voll Kräuseln und Kringeln, daß die Nachkommen deren Bedeu" tung bald verloren haben. Nachdem haben sie unsere Schrift gelernt, mit namen die Finnen, die Thyrier und die Krekaländer. Aber sie wußten es nicht gut, daß es von dem Jul gemacht war und daß es darum allzeit geschrieben werden mußte mit der Sonne herum. Dabei wollten sie, daß ihre Schrift un" lesbar sein sollte für das andere Volk, denn sie haben immer Geheimnisse. Indem sie also taten, sind sie sehr aus der Weise geraten, dermaßen, daß die Kinder die Schriften ihrer Eltern schwerlich lesen konnten, während wir un" sere allerälteSten Schriften ebenso leicht lesen können als diejenigen, welche gestern geschrieben sind.

Hierunter iSt die Standschrift, darunter die Runschrift, fürder die Zahl" nenner auf beide Weisen. (Vgl. hierzu Faksimile IV und V.)

'Dies tfeht auf allen 'Burgen geschrieben

Ehe die arge Zeit kam, war unser Land das schönste in der Welt. Die Sonne Stieg höher und es gab selten FroSt. An den Bäumen und Sträuchern wuchsen Früchte und anderes Genüge, die nun verloren sind. Unter den Gras" saaten hatten wir nicht allein Korn, Haver und Blyde1, sondern auch Swete2, die gleich Gold blinkten und die man unter den Sonnenstrahlen dörren konnte. Die Jahre wurden nicht gezählt, denn das eine Jahr war so freudig wie das andere.

Auf der einen Seite wurden wir von Wraldas See eingeschlossen, auf dem kein Volk außer uns fahren mochte noch konnte. An der anderen Seite wurden wir von dem breiten Twiskland3 umzäunt, wodurch das Finda- Volk nicht zu kommen wagte, wegen der dichten Wälder und des wilden Getieres. Gegen Morgen grenzten wir an das Außenende der AStersee (OStsee), gegen Abend an die Mittelsee, so baß wir außer den kleinen wohl zwölf große Süßwasser-

1 »blyde«, unbekannte Getreideart?

2 »swete« = süße Äpfel? Ottema übersetzt »Weizen«.

3 twisk, tuisc, twiska, tuisca usw. = »zwischen«, also Zwischenland; auch diese Benennung für Deutschland dürfte wohl auf den Humanisten zurückgehen.

Ströme hatten, uns durch Wralda gegeben, um unser Land kräftig zu erhalten und um unserem tapferen Volke den Weg nach seiner See zu weisen.

Die Ufer dieser Ströme wurden fa& allesamt von unserem Volke besessen, auch die Felder an dem Rhein, von dem einen Ende bis zum anderen. Gegen' über den Dänemarken1 und Juttenland hatten wir Volks]) flanzungen mit einer burgmaid. Von dort gewannen wir Kupfer, nebSt Teer, Pech und einigem an' deren Behuf. Gegenüber unserem vormaligen Weiland hatten wir Britannien mit seinen Zinnlanden. Britannien war das Land der Bannlingen (Geächte' ten), die mit Hilfe ihrer Burgmaid weggezogen waren, um ihren Leib zu be' halten. Doch damit sie nicht zurückkommen sollten, wurde er^t ein B vorn auf ihre Stirn geprickelt, den Bannlinge mit roter Blutfarbe und den anderen Missetätern mit blauer Farbe. Außerdem hatten unsere Seeleute2 manche Sta' pelplätze in den nahen Krekalanden und in Lydia3. In Lydia sind die schwarzen Menschen.

Da unser Land so geräumig und groß war, hatten wir viele absonderliche Namen. Diejenigen, welche saßen örtlich von den »niederen Marken« (Dä' nenmarken), wurden Jütten geheißen ; die, welche saßen auf den Inseln, wur den Stjurar (Steurer), Seekämpen und Angelaren geheißen4. Die, welche von dort bis zu dem nächsten Krekaland saßen, wurden bloß Kadheimer5 genannt, weil sie nie hinausfuhren. Die, welche in den Hohen Marken saßen, welche an die Twisklande grenzten, wurden Sachsmänner geheißen, aus dem Grunde, weil sie immer gewappnet waren wider das wilde Getier und die verwilderten Britnen (Britten). Überdies hatten wir die Namen Landsassen, Meersassen6 und Holz- oder Waldsassen.

1 dena marka = »niederen Marken«.

2 Stjurar = »Steurer« wird von mit weiter mit »Seeleute«, »Seefahrer« oder »Seevolk« über setzt.

3 Mit »Lydia« wird Afrika gemeint, Lydia Steht hier vermutlich für Lybia. Der folgende Satz iSt eine Glosse des Abschreibers.

4 Stjurar sind die Sturii des Plinius (NH. 4, 101), ansässig auf den Inseln zwischen Rhein- Maas-Mündung ; Secempa wschl. = Sugambri; Angelari wschl. = Anglii (7 acitus Qerm. 40).

5 Kadheimer = KüStenbewohner. Die »Krekalanda« werden unterschieben in die »nahen« (Italien) und »fernen« (Griechenland) : diese Bezeichnung für »Qraecia« dürfte wahr scheinlich ebenfalls auf den Humanisten zurückgehen.

6 Marsata = Marsaci (Tacitus HiSt. 4r, 56 und Plinius NH. 4, lor).

'Wie die arge Zeit kam

Den ganzen Sommer war die Sonne hinter den Wolken verborgen, als wollte sie die Erde nicht sehen. Der Wind ruhte in seiner Höhle, wo'

durch Rauch und Dampf gleich Säulen über Haus und Pfuhlen standen. Die

Luft ward also trüb und dämmerig und in den Herzen der Menschen war weder Frohsinn noch Freude. Inmitten dieser Stille begann die Erde zu beben, gleich wenn sie sterbend wäre :

Berge ^Hissen voneinander, Feuer feiende und Lohe; andere sanken in ihren Schoß nieder, und wo sie ersd Felder hatte, hob sie Berge empor. Aldland, von den Seeleuten Atland geheißen, sank nieder, und das wilde Haff trat so lange über berge und Täler, bis alles in der See versenkt war. Viele Menschen wurden in der Erde verschüttet, und viele, die dem Feuer entkommen waren, kamen danach in dem Wasser um. Nicht allein in den Landen Findas ^J?ien die Berge Feuer, sondern auch in Twiskland. Wälder brannten dadurch hin' tereinander weg, und der Wind, der von dannen kam, wehte unser Land voll Asche. Flüsse wurden verlegt, und an ihren Mündungen kamen neue Inseln von Sand und treibendem Getier.

Drei Jahre war die Erde also leidend : aber als sie besser wurde, konnte man ihre Wunden sehen. Viele Länder waren versunken, andere aus der See aufgesdiegen, und das Twiskland halbteils entwaldet. Banden des Finda- Volkes überzogen die ledigen Gegenden. Unsere Weggezogenen wurden vertilgt oder sie wurden ihre Hörigen. Da wurde Wachsamkeit uns doppelt geboten, und die Zeit lehrte uns, daß Eintracht unsere ^tärk^te Burg Ut.

'Dies fleht an der 'Waraburg bei der ßllde(r)gamunde geritzt

ie Waraburg keine Maidenburg, sondern darin werden alle aushei'

L V mischen und ausländischen Dinge verwahrt, die mitgebracht sind von den Seeleuten. Sie ift drei Pfähle, das i^t eine Halbzeit, südwärts von Medeas' blik gelegen.

Also i& das Vorwort : »Berge, neiget euren Gipfel, Wolken und Ströme, weinet. Ja, Schonland, erröte : Sklavenvölker treten auf dein Kleid, o Frya.«

JL Iso itt die (jeschichte

Hundertundein Jahr1 nachdem Aldland versunken iff , kam da aus dem Offen ein Volk her : das Volk war vertrieben durch ein anderes Volk. Hinter unserem Twiskland gerieten sie in Zwiespalt ; sie teilten sich in zwei Haufen, von denen ein jeder seines Weges ging. Von dem einen Teil iff keine Erzählung auf uns gekommen, aber der andere Teil fiel hinten in unser Schon" land. Schonland war spärlich bevölkert und an der Rückseite am spärlichsten. Darum vermochten sie es ohne Streit zu gewinnen, und da sie sonff nichts zu" leide taten, wollten wir darob keinen Krieg haben. Nun wir sie kennengelernt haben, so will ich über ihre Sitten schreiben, nach dem, wie es uns mit ihnen ergangen iff.

Das Volk war nicht so wild wie viele Geschlechter Findas, aber den Egip" taländern gleich; sie haben Priester wie diese und, nun sie Kirchen2 haben, auch Bilder. Die Priester sind die einzigen Herren : sie heißen sich selber Mag" jara. Ihrer aller Oberster heißt Magy3; er iff Hauptprieffer und König zugleich. All das andere Volk wird für null gehalten und ist gänzlich und gar in ihrer Gewalt. Das Volk hat keinen Namen : von uns sind sie Finnen geheißen. Sonff sind sie nicht zu beneiden, denn sie sind Sklaven ihrer Priester, aber noch viel ärger ihrer Meinungen. Sie meinen, daß alles übler Geister voll iff, welche in Menschen und Tiere schleichen. Aber von Wraldas Geiff wissen sie nichts. Sie haben Steinwaffen, die Magjaren kupferne. Die Magjaren erzählen, daß sie böse Geiffer bannen und ausbannen können : derob iff das Volk gänzlich in banger Furcht und an ihrem Wesen iff nimmer Frohsinn zu spüren.

Als sie sich nun richtig niedergelassen hatten, suchten die Magjaren bei uns Freundschaft : sie rühmten unsere Sprache und Sitten, unser Vieh und unsere eisernen Waffen, die sie gerne für ihre goldenen und silbernen Ziera-

1 2193-101 = 2092 v. Chr.

2 Das Wort »Kirche« ist ein uraltes Wort der Thule-Kultur und als k-r(g-r) bezw. k-l (g-l) Stamm in Eurasien verbreitet, vgl. H.U. S. 81-82 u. 182-183.

3 Anscheinend iSt bei »Magy«, das in dieser Form 1586 von Fischart verwendet wird, an »magia« = Zauberei gedacht, eine echte Humanistenetymologie. Der humanistische Ab" Schreiber des Kodex C hat dann auch wohl die Benennung Magjaren angewendet. Für die »Magi« zur Zeit des Fiko Ovira Finda vgl. Abb. 88.

ten eintauschen wollten, und ihr Volk hielten sie immer innerhalb der Grenz- pfähle. Aber das führte unsere Wachsamkeit irre.

Achtzig Jahre Später1, juSt war es JulfeSt, da kamen sie unerwartet, gleich Schnee durch Sturmwind getrieben, über die Lande gerannt. Die nicht fliehen konnten, wurden getötet. Frya wurde angerufen, aber die Schonländer hatten ihren Rat vernachlässigt. Da wurden Kräfte gesammelt, drei Pfähle von God' aburg wurde ihnen widerstanden : der Krieg blieb da. Kat oder Katerine, so hieß die Maid, die Burgmaid auf Godaburg war : Kat war Stolz und hochfähr tig : darum ließ sie weder Rat noch Gefolgschaft von der Mutter erbitten. Aber als die Burgherren das erfaßten, sandten sie selber Boten nach Texland, zu der Mutter dort. Minna, so war der Name der Mutter, ließ alle Seeleute aufbieten und all das junge Volk von OSt-Flyland und von den Dänemarken. Aus diesem Zuge iSt die Geschichte von Wodin entstanden, welche an den Burgen iSt ge' ritzt und hier abgeschrieben iSt.

An der Aldergamunde da wohnte in RuheStand ein alter Seekönig : Sterik war sein Name und der Ruf seiner Taten war groß. Dieser alte Robbe hatte drei Neffen : Wodin, der älteSte, heimatete zu Lumka-makia bei der Eemunde in OSt-Flyland, zu Haus. Ehemals war Heermann gewesen. Tünis und Inka waren Seekämpen und juSt nun bei ihrem Vateronkel an der Aldergamunde zu Haus. Als die jungen Kämpen nun zueinander kamen, erkoren sie Odin zu ihrem Heermann oder König, und die Seekämpen koren Tünis zu ihrem Seekönig und Inka zu ihrem Schult-bei-Nacht. Die Seeleute fuhren dann nach den Dänemarken : dort nahmen sie Wodin mit seiner, Streitbaren Landwehr an Bord. Der Wind war räumig, und so waren sie im Handumdrehen in Schonland. Als die nordischen Brüder sich mit ihm vereinigt hatten, teilte Wodin sein gewaltiges Heer in drei Keile. »Frya« war ihr Waffenruf, und so schlug er die Finnen und Magjaren zurück, als ob es Kinder wären.

Als der Magy erfuhr, wie seine Leute alle umgebracht wurden, da sandte er Boten mit Stab und Krone. Sie sagten zu Wodin: »O du allergrößter der Kö' nige, wir sind schuldig. Doch alles, was wir getan haben, iSt aus Not geschehen.

1 2012 v. Chr.

Ihr meint, daß wir eure Brüder mutwillig angegriffen haben. Aber wir sind von unseren Feinden fortgetrieben, und sie alle hängen uns noch an den Fer sen. Wir haben des öfteren Hilfe von Eurer Burgmaid gebeten, aber sie hat unser nicht geachtet. Der Magy sagt : ‘So wenn wir einander zur Hälfte töten, so werden die wilden Schafhirten kommen und uns allesamt töten.’ Der Magy hat viele Reichtümer, aber er hat gesehen, daß Frya gewaltiger iSt als alle um sere Geister zusammen. Er will sein Haupt in ihren Schoß legen. Du biSt der reckenhafteste König der Erde, dein Volk iSt von Eisen. Werde unser König, und wir alle werden deine Sklaven sein. Was wäre das ehrenreich für dich, wenn du die Wilden wieder zurücktreiben könntest. Unsere Hörner würden es herumblasen und unsere Mären würden überall vor dir hergehen.’

Wodin war Stark, wüSt und reckenhaft, aber er war nicht klarsehend. Da' durch ward er in ihren Schlingen gefangen und von dem Magy gekrönt. Sehr viele Seefahrer und Landwehrer, denen diese Kür nicht zusagte, zogen Still von hinnen, indem sie Kat mitnahmen. Aber Kat, die weder vor der Mutter noch vor der gemeinen Acht erscheinen wollte, Strang über Bord. Da kam der Sturmwind und trieb die Schiffe auf die Schären der Dänenmarken, ohne daß man einen Mann vermißte. Nachdem haben sie diese Straße Katsgat geher ßen.

Als Wodin gekrönt war, ging er auf die Wilden los. Sie waren alle Reiter : gleich einem Hagelschauer fielen sie auf Wodins Heer, aber gleich einem Wir beiwind wendeten sie um und wagten nicht wieder zu erscheinen. Als Wodin nun zurückkam, gab ihm der Magy seine Tochter zum Weibe. Nachdem wurde er mit Kräutern beräuchert : aber es waren Zauberkräuter darunter, denn Wodin wurde Stufenweise so vermessen, daß er Fryas und Wraldas GeiSt mißzuerkennen und zu verspotten wagte, während er seinen freien Hals vor den falschen götzengleichen Bildwerken beugte. Sein Reich hielt sich sieben Jahre : da verschwand er. Der Magy sagte, daß er unter ihre Götter aufgenonr men wäre, und daß er von dort über sie waltete. Aber unser Volk verlachte seine Worte.

Als Wodin nun eine Weile verschwunden war, kam da Zwiespalt. Wir wolf ten einen anderen König kiesen, aber das wollte der Magy, nicht geSlatten. Er behauptete, daß es ein Recht wäre, ihm von seinen Göttern gegeben. Außer diesem ZwiSt gab es noch einen zwischen den Magjaren und den Finnen, die

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weder Frya noch Wodin ehren wollten. Aber der Magy tat, wie ihm gut deuchte : denn seine Tochter hatte bei Wodin einen Sohn gewonnen, und nun wollte der Magy, daß dieser von Hoher Herkunft sein sollte. Während alle zankten und sich dritten, krönte er den Knaben zum König und stellte sich selber als Vogt und Vormund oder Ratgeber an. Die da mehr von ihrem Balg als von ihrem Recht hielten, ließen ihn gewähren; aber die Guten zogen fort. Viele Magjaren flohen mit ihren Leuten zurück, und die Seeleute schifften sich ein, und ein Heer dreister Finnen ging als Ruderer mit ihnen.

Nun kommen die Geschichten von Neffe Tünis und seinem Neffen Inka erft recht in Fluß.

T)ies alles tteht nicht allein an der ‘Waraburg, sondern auch an der ‘Burg Stavia, die gelegen hinter dem Odafen von Stavre

ls Tünis mit seinen Schiffen nach Hause wiederkehren wollte, steuerte

-L Ver erSt auf die Dänemarken los. Aber er durfte dort nicht landen : das hatte die Mutter bestellt. Auch zu Flyland durfte er nicht landen und fürder nirgends. Er würde also mit seinen Leuten vor Gebrechen und Mangel umge' kommen sein : darum gingen sie des Nachts an Land rauben und fuhren am Tage weiter. Also die Küsdensdraße entlang fahrend, kamen sie an die Volks' pflanzung Kadik1. Hier kauften sie allerhand Notdurft; aber Tu(n)tja, die Burg' maid, wollte nicht zulassen, daß sie sich da niedersetzten. Als sie nun fertig waren, bekamen sie ZwHL Tünis wollte durch die Straße der Mittelsee hin' durch, um für den reichen König der Egiptalande zu fahren, wie er das wohl ehedem getan hätte. Aber Inka sagte, daß er von all dem Finda-Volk genug hatte. Inka meinte, daß vielleicht noch wohl ein hochgelegener Teil Atlands, in der Weise einer Insel, übriggeblieben sein könnte, wo er mit seinen Leuten friedsam leben möchte.

1 Cadix, der phönizische Name lautet Gad(d)ir oder Gader = »Mauer«, »Burg«, »FeSte« (vgl. S. 167). Der friesische Name »Kadik« wird hier humanistisch- volksetymologisch ent" Sprechend erklärt : »weil ihr Hafen von einem Steinernen ‘kadik’ gebildet ward«. »Kadik« setzt sich zusammen aus »kade« = befestigtes Ufer und »dik« = hd. Deich.

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Da die beiden Neffen sich nicht einigen konnten, ging Tunis hin und steckte eine rote Fahne in den Strand und Inka eine blaue. Danach durfte ein jeder kiesen, wem er folgen wollte. Und Wunder - zu Inka, den es an widerte, den Königen des Finda- Volkes zu dienen, liefen die meisten Finnen und Mag' jaren über. Als sie nun das Volk gezählt und die Schiffe darauf geteilt hatten, schieden die Flotten voneinander. Von Neffe Tünis isT nachdem Kunde gekonr men, von Neffe Inka nimmer.

Neffe Tünis fuhr allein die KüsTe entlang durch die Pforte der Mittelsee. Als Atland versank, war es in der Mittelsee auch überall arg zugegangen. Da' durch waren viele Menschen von dem Findas-Land nach unseren nahen und fernen Krekalanden gekommen und auch viel von unserem Volke nach Lydas Land gegangen. Das alles hat bewirkt, daß die nahen und fernen Krekalande der Gewalt der Mutter verlorengingen. Damit hatte Tünis gerechnet. Darum wollte er dort einen guten Hafen kiesen und von da aus für die reichen Fürsten fahren. Aber weil seine Flotte und sein Volk so verkommen aussah, meinten die Ratheimer, daß sie Räuber wären, und darum wurden sie überall abge' wehrt. Doch zuletzt kamen sie an Phoenisius Küfte, das waren hundertund' dreiundneunzig Jahre nachdem Atland versunken i&\ Nahe bei der Kü^te fanden sie ein Eiland (Insel) mit zwei tiefen Schlenken, also daß es wie drei Inseln aussah. Auf der mittelsten schlugen sie ihre Unterkunft auf, nachdem bauten sie einen Burg wall herum. Als sie dem nun einen Namen geben woll' ten, wurden sie uneinig : welche wollten sie Fryasburg heißen oder Neftünia. Aber die Magjaren und die Finnen baten, daß sie Thyrhisburg1 2 heißen würde. Thyr, so heißen sie einen ihrer Götter, und auf dessen Jahrtag waren sie da ge' landet. Zum Entgelt wollten sie Tünis ewig als ihren König bekennen, Tünis ließ sich belesen, und die anderen wollten darum keinen Krieg haben.

Als sie sich nun richtig niedergelassen hatten, da sandten sie einige alte Seefahrer und Magjaren an den ‘Wall und weiter nach der Burg Sydon. Aber zunächst wollten die Radheimer nichts von ihnen wissen, »Ihr seid fernbehei' matete Herum&reicher«, sagten sie, »die wir nicht haben wollen.« Doch da wir ihnen von unseren eisernen Waffen verkaufen wollten, ging zuletzt alles

1 2193-193 = 2000 v. Chr.

2 Thyrisburg = Burg Thyrs.

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gut. Auch waren sie sehr neugierig nach, unserem Barnffein, und das Fragen danach nahm kein Ende. Aber Tunis, der weitblickend war, gebarte sich, als ob er keine eisernen Waffen noch Barnffein mehr hätte. Da kamen die Kauf' leute und baten ihn, er solle ihnen zwanzig Schiffe geben, die sie alle mit den feinsTen Waren herrichten wollten; überdies wollten sie ihm so viele Leute als Ruderer geben, als er begehrte.

Zwölf Schiffe ließ er herrichten mit Wein, Honig, zubereitetem Leder : dabei waren Säume und Sattel mit Gold überzogen, wie man sie noch nimmer gesehen hatte. Mit allen diesen Schätzen lief Tünis in das Flymeer ein. Der Grevetmann von Weff-Flyland wurde von all diesen Dingen begeiffert : er er' wirkte, daß Tünis bei dem Munde des Flymeeres einen Waren^eicher1 bauen durfte. Nachdem iff die Stätte Almanaland2 geheißen, und der Markt, auf dem sie {Später zu Wyringen Tauschhandel treiben durften, »Zulaßmarkt«. Die Mut" ter riet, daß wir ihnen alles verkaufen sollten außer eisernen Waffen : aber man achtete dessen nicht. Da die Thyrier also freies Spiel hatten, kamen sie immer wieder, um unsere Waren weit und breit zu fahren, unseren eigenen Seekämpen zum Schaden.

Darnach iff auf einer gemeinen Acht beschlossen worden, jährlich sieben Thyrier zuzulassen und nicht mehr.

r Was davon geworden itt

In der nördlichen Ecke der Mittelsee liegt eine Insel an der Küffe. Nun kamen sie, diese zum Kaufe erbitten. Darob ward eine allgemeine Acht belegt. Mutters Rat wurde eingeholt, aber Mutter sah sie lieber weit weg : darum meinte sie, daß dem nicht von Übel wäre. Doch als wir nachher sahen, wie wir »mißgetan«, haben wir die Insel Misselia3 geheißen. Hiernach wird sich ergeben, welchen Grund wir dazu hatten.

1 die Handschrift hat für »Niederlassung, Stapelplatz, Warensßeicher« das schöne altfrie" sische »löge«, das wie die anderen Formen loch, loech altgermanischer Herkunft iSt.

2 Das heutige Ameland.

3 diese friesische Volksetymologie (des Humanisten) von Massilia, gr. Massalia, lautet Mis- sellja = »Miß-verkauf, Fehl- verkauf«.

Die Golen, also heißen die Sendlingen-Prie&er von Sydon, die Golen hat' ten wohl gesehen, daß das Land ^ärlich bevölkert und fern von der Mutter war. Um sich selbst einen guten Schein zu geben, ließen sie sich in unserer Sprache »an treue Geweihte« (ana trowe wydana) heißen; aber es wäre besser gewesen, wenn sie sich selber »von der Treue Gewandte« genannt hätten oder kurzweg »Treutwenden« (Trjuwendne), wie unsere Seeleute ^|?äter getan haben1.

Als sie sich nun richtig niedergelassen hatten, da tauschten ihre Kaufleute schöne kupferne Waffen und allerhand Zieraten gegen unsere eisernen Waffen und Häute wilder Tiere, von denen in unseren südlichen Landen viel erhältlich war. Aber die Golen feierten allerhand schmutzige Götzenfe&e und zogen die Küftenheimer vermittels ihrer unzüchtigen Mädchen und der Süßheit ihres giftigen Weines heran. War da irgendeiner von unserem Volke, der es also arg getrieben hatte, daß sein Leib in Gefahr kam, so verliehen die Golen ihm Hülle und Unterschlupf und führten ihn nach Phonisia. War er hier ansässig, dann mußte er seinen Sippen, Freunden und Schwägern schreiben, daß das Land so gut wäre und die Menschen so glücklich, wie niemand sich einbilden könne.

In Britannien waren sehr viele Männer, doch lützel (wenig) Weiber. Als die Golen das erfuhren, ließen sie alleweg Mädchen entführen, und diese gaben sie den Briten um nichts hin. Doch alle diese Mädchen waren ihre Die' nerinnen, die die Kinder Wraldas stahlen, um sie ihren falschen Göttern zu geben.

Nun wollen wir schreiben über den %rieg der ^Burgmaide 'Kelta und ! Minerva und wie wir dadurch alle unsere Südlande und 'Britannien an die Qolen verloren haben

Bei dem Süderrheinmund und der Schelde, da sind sieben Inseln genannt nach Fryas sieben Wachemaiden der Woche. Mitten auf einer Insel ift die Burg Walhallagara2. Auf den Wänden ist die und folgende Geschichte ge' schrieben. Darüber &eht : »Lese, lerne wache.«

1 Anscheinend werden mit dieser friesischen Volksetymologie die gälischen Druidhen ge" meint.

2 Walcheren.

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Fünfhundertdreiundsechzig Jahre nachdem Atland versunken i&\ saß hier eine weise Burgmaid : Min-erva war ihr Name, von den Seeleuten wurde sie Nyhellenia zugenannt. Dieser Zuname war gut gekoren, denn der Rat, den sie verlieh, war »neu« und »heil« über allen anderen2.

Jenseits der Schelde auf der Flyburg saß Syrhed. Diese Maid war voller Ränke : schön war ihr Antlitz und flink ihre Zunge. Aber der Rat, den sie gab, war immer in dunklen Worten. Darum wurde sie von den Seeleuten Kälta ge' heißen. Die Landsassen meinten, daß es ein Ehrenname sei. In der letztwilli' gen Verfügung der Mutter ftand Rosamunde als er&e, Minerva als zweite und Syrhed als dritte Nachfolgerin beschrieben. Minerva war dessen unkundig, aber Syrhed war dadurch geknickt. Gleich einer fremden Fürstin wollte sie ge' ehrt, gefürchtet und angebetet sein; aber Minerva wollte allein geliebt sein. Zuletzt kamen alle Seeleute, ihr ihre Huld bieten, selbst von den Dänemarken und von der Flysee. Das verletzte Syrhed, denn sie wollte Minerva überragen. Auf daß man ein größeres Dünken von ihrer Wachsamkeit haben sollte, machte sie einen Hahn auf ihre Fahne. Da ging Minerva hin und machte einen Hirtenhund und eine Nachteule auf ihre Fahne. »Der Hund«, sagte sie, »wacht über seinen Herrn und über die Herde, und die Nachteule wacht über das Feld, damit es nicht von den Mäusen zerstört wird. Aber der Hahn hat für nie' manden Freundschaft, und durch seine Unzucht und Hochfahrenheit i^t er off der Mörder seiner nächsten Sippen geworden.«

Als Kelta sah, daß ihr Werk verkehrt ausging, da kam sie vom Übel zum Ärgeren. Im Stillen ließ sie die Magjaren zu sich kommen, um Zauberei zu lernen. Als sie dem Genüge getan, warf sie sich selber in die Arme der Golen. Doch von allen diesen Missetaten konnte sie nicht besser werden. Als sie sah, daß die Seeleute mehr und mehr von ihr wichen, da wollte sie sie durch Furcht gewinnen. War der Mond voll und die See ungestüm, dann lief sie über das wilde Meer, den Seefahrern zurufend, daß sie alle vergehen würden, so wenn sie sie nicht anbeten wollten. Fürder blendete sie ihnen die Augen, wodurch sie Wasser für Land und Land für Wasser hielten : dadurch ift manches Schiff untergegangen mit Mann und Maus.

1 2193-563 = 1630 v. Chr.

2 Der Name wird hier gedeutet : ni = »neu«, hei = »heil«, »Heil« und lena »leihen«.

Auf dem ersten Wehrfe^l, als alle ihre Landsassen gewappnet waren, ließ sie Tonnen Bier ausschenken. In das Bier hatte sie Zaubertrank getan. Als nun das Volk allesamt betrunken war, stellte sie sich oben auf ihr Kampfroß, mit ihrem Haupte gegen ihren Speer gelehnt. Das Morgenrot konnte nicht schöner sein. Da sie sah, daß alle Augen auf sie gerichtet waren, öffnete sie ihre Lippen und kündete : »Söhne und Töchter Fryas! Ihr wißt wohl, daß wir in der letzten Zeit viel Gebrechen und Mangel gelitten haben dadurch, daß die Seeleute nicht länger kommen, um unseren Schreibfilz zu verkaufen. Aber ihr wißt nicht, wodurch es so gekommen i^t. Lange habe ich mich darob zurückgehalten, doch nun kann ich es nicht länger. Hört denn, Freunde, auf daß ihr wissen möget, wonach ihr beißen sollt.

An der anderen Seite der Schelde, wo man zumal die Fahrt von allen Seen hat, da macht man heutigentages Schreibfilz von Plumpenblättern. Damit er £j)aren sie Leinen und können uns entbehren. Nachdem nun das Machen von Schreibfilz allezeit unser größter Betrieb gewesen Ht, so hat die Mutter gewollt, daß man es uns lassen solle. Aber Minerva hat all das Volk verhext, ja verhext, Freunde, gleich all unserem Vieh, das letzthin gestorben HL Heraus muß es, ich will es euch erzählen. Wäre ich nicht Burgmaid, ich würde es schon wissen : ich würde die Hexe in ihrem Ne^t verbrennen.«

Da sie die letzten Worte gebrochen hatte, gütete sie sich zu ihrer Burg hin. Aber das betrunkene Volk war dermaßen erregt, daß es über seine Sinne nicht mehr zu wachen vermochte. In tollmütigem Eifer gingen sie über den Sandfall, und nachdem die Nacht mittlerweil sich niedergesenkt hatte, zogen sie eben dreist auf die Burg los. Doch Kelta verfehlte schon wieder ihr Ziel, denn Minerva, ihre Maiden und die Lampe wurden alle von den flinken See' leuten gerettet.

'Hierzu kommt die Qeschichte von Jon

ön, Jan, Jhon und Jan ift alles eins mit »geben«, doch das liegt an der Aus' I brache der Seeleute, die durch Gewohnheit alles abkürzen, um es fern und laut rufen zu können. Jon, das ift »gegeben«, war Seekönig, geboren zu Alderga, von der Flysee ausgefahren mit hundertundsiebenundzwanzig Schif'

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fen, zugerüftet für eine große Außenfahrt, reich geladen mit Barnftein, Zinn, Kupfer, Eisen, Laken, Leinen, Filz, Frauenfilz von Ottern, Biber- und Kanin' chenhaar. Nun sollte er von, hier noch Schreibfilz mitnehmen. Doch als Jon hier kam und sah, wie Kelta unsere ruhmreiche Burg zerstört hatte, da ward er so außermaßen zornig, daß er mit all seinen Leuten auf die Flyburg losging und darauf zum Widergelt den roten Hahn setzte. Aber durch seinen Schult - bei-Nacht und manche seiner Leute wurden die Lampe und die Mai-, den ge' rettet. Doch Syrhed ober Kelta vermochten sie nicht zu fassen. Sie kletterte auf die äußerste Zinne; jedweder glaubte, daß sie in der Lohe umkommen mußte. Doch was geschah? Derweil all ihre Leute sdarr und sdeif vor Schrecken standen, kam sie schöner als je zuvor auf ihrem Rosse zutage, rufend : »Zu Kelta Minhis«1. Da strömte das andere Schelde-Volk zuhauf. Als die Seeleute das sahen, riefen sie : »Für Minerva wir!« Ein Krieg ift daraus entstanden, wo' durch Tausendende gefallen sind.

In dieser Zeit war Rosamund, das iSt Rosa-munde, Mutter. Sie hatte viel in Minne erStrebt, um den Frieden zu wahren. Aber da es also arg kam, da machte sie es kurz. Zur Stund sandte sie Boten durch die Landpfähle und ließ einen gemeinen Notbann künden. Da kamen die Landwehrer aus allen Orten heran. Das kämpfende Landvolk wurde gefaßt; aber Jon barg sich mit seinen Leuten auf seiner Flotte und nahm die beiden Lampen nebSt Minerva und die Maiden von den beiden Burgen mit. Helprik, der Heermann, ließ ihn einban' nen ; aber derweilen alle Wehrer noch jenseits der Schelde waren, fuhr Jon zu' rück nach der Flysee und fürder weiter nach unseren Inseln. Seine Leute und viele unseres Volkes schifften Weib und Kinder ein, und als Jon nun sah, daß man ihn und seine Leute als Missetäter Strafen wollte, machten sie sich im ftik len auf und davon. Er tat recht, denn all unsere Inselleute und alles andere Scheldevolk, die gefochten hatten, wurden nach Britannien gebracht. Dieser Schritt war fehlgetan, denn nun kam der Anfang vom Ende.

Kelta, die wie man sagt, ebenso leicht auf dem Wasser wie auf dem Land zu laufen vermochte, ging nach dem feften Wall und fürder nach Misselija

1 Verdorbene Stelle, unübersetzbar.

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hin. Da kamen die Golen mit ihren Schiffen aus der Mittelsee und befuhren Kadik und unsere Außenland : fürder fielen sie über Britannien her. Doch da konnten sie keinen festen Fuß fassen, weil die Häuptlinge mächtig und die Bannlinge noch Fryas waren. Aber nun kam Kelta und Sprach : »Du biSt frei geboren und um lützel Vergehen hat man dich zum Ausgeworfenen gemacht, nicht um dich zu bessern, sondern um Zinn zu gewinnen durch deine Hände. Willst du wieder frei sein und unter meinem Rat und meiner Hut leben, zieh dann aus, Waffen werden dir gegeben werden und ich werde über dich wa' chen.«

Gleich Blitzfeuer ging es über die Insel, und ehe des Kroders Jul einmal umgelaufen war, war sie Herrin über allesamt und die Thyrier von allen unse' ren SüdStaaten bis zur Sejene1. Weil Kelta sich selber nicht zu sehr traute, ließ sie in dem nördlichen Bergland eine Burg bauen ; Keltasburg wurde sie gehen ßen. Sie iSt noch anwesend, aber heißt nun »Keren-ek«2. Von dieser Burg waf tete sie gleich einer echten Mutter, nicht um ihrer Folger willen, sondern über sie, die sich fürder Keltana (Kelten) nannten. Aber die Golen beherrschten all" mählich ganz Britannien : das kam einesteils, weil sie nicht mehr Burgen hatte, zweitens, weil sie da keine Burgmaiden und drittens keine echte Lampe hat" ten.

Durch alle diese Ursachen konnte ihr Volk nicht lernen : es wurde dumm und Stumpf und endlich von den Golen ihrer eisernen Waffen beraubt und zuletzt gleich einem Bullen bei der Nase herumgeführt.

Nun wollen wir schreiben, wie es Jon ergangen ifl.

Ties fleht zu Texland geschrieben

Zehn Jahre nachdem sich Jon davongemacht hatte, fielen hier drei Schiffe in die Flysee ein. Das Volk rief »ho-n-sejen«3. Und von ihrer ihrer Er zählung hat die Mutter dies schreiben lassen.

1 Seine.

2 Vgl. S. 321

3 Der Ausdruck iSt so unerklärlich : ho, hu = »wie«, ‘n aus en = »ein« und sejen kann aus segen »Zeichen, Feldzeichen« und »Segen« entstanden sein oder wäre eine verlorene Wechselform zu Segel (vgl. lettisch sega, segene, segele »Decke, großes Tuch«), Die Be-

Als Jon in die Mittelsee kam, war die Märe von den Golen ihm überall vor weggegangen, so daß er an den Küsten der nahen Krekalande1 nirgends sicher war. Er setzte also mit seiner Flotte nach Lydia, das i& Lydas Land, über. Dort wollten die schwarzen Männer ihn fassen und essen. Zuletzt kamen sie nach Thyrhis. Aber Minerva sagte : »Haltet ab, denn hier iSt die Luft schon lange durch die Priester verpestet.« Der König stammte von Tünis, wie wir ^>äter hörten. Aber weil die Priester einen König haben wollten, der nach ihren Be' griffen ewig wäre, so hatten sie Tünis zu einem Gott erhoben, zum Ärgernis seiner folgen Als sie nun Thyr im Rücken hatten, kamen die Thyrier und raub' ten ein Schiff aus der Nachhut. Nachdemmal das Schiff zu fern war, konnten wir es nicht wiedergewinnen. Aber Jon schwur darob Rache. Als die Nacht kam, kehrte Jon sich nach den fernen Krekalanden. Zuletzt kamen sie an ein Land, das sehr karg aussah, aber sie fanden dort einen Hafenmund.

»Hier«, sagte Minerva, »wird wahrscheinlich keine Furcht vor Fürsten und Priestern nötig sein, sintemal sie allesamt fette Weiden lieben.« Doch als sie in den Hafen einliefen, fand man ihn nicht geräumig genug, um alle Schiffe zu bergen. Und doch waren mei^t alle zu feige, um weiterzugehen. Also ging Jon, der fort wollte, mit seinem Speer und seiner Fahne hin, indem er das Jungvolk aufforderte, sich freiwillig um ihn zu scharen. Minerva, die dort blei' ben wollte, tat desgleichen. Der größte Teil ging nun zu Minerva, aber die jüngsten Seefahrer gingen zu Jon. Jon nahm die Lampe der Kelta und ihre Maiden mit, und Minerva behielt ihre eigene Lampe und ihre eigenen Mai' den.

Zwischen dem nahen und fernen Krekalande fand Jon einige Inseln, die ihm zusagten. Auf der größten machte er sich daran, in den Wäldern zwischen dem Gebirge eine Burg zu bauen. Von den kleinen Inseln ging er aus Rache

deutung wäre dann etwa »welch ein Segel«, »welch ein Abzeichen«? Daß unsere Fischer schiffe der Nord- und Ostsee ihre Hausmarken noch im Segel führten, isf noch nicht zu lange her. Vgl. den Runennamen sigil, sigi »Segel« für die H Rune, welche in der kurzen nordischen Runenreihe ^ sol »Sonne« heißt (Aufgang der Menschheit, S. 287 f.)

Oder hat der humanistische Abschreiber etwa an das uns erSt seit dem 18. Jahrhundert bekannte niederländische hoezee gedacht und dies etwa als »welch ein Segen« etymolo" gisieren wollen, wie Ottema es auch übersetzt?

1 Italien.

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die thyrischen Schiffe und Lande berauben. Darum sind die Inseln gleichgut die »Räuberinseln« als die Ionischen Inseln genannt1.

Als Minerva das Land besehen hatte, das durch die Einheimischen Attika geheißen ift, sah sie, daß das Volk alle Geißhüter waren; sie unterhalten ihren Leib mit Fleisch, Kräutern, wilden Wurzeln und Honig. Sie waren mit Fellen bekleidet und hatten ihre Schlupfwinkel auf den Abhängen der Berge. Darum werden sie von unserem Volke Hellinger2 genannt.

Zuerft rannten sie auf und davon; doch als sie sahen, daß wir um ihre Habe uns nicht kümmern, da kamen sie zurück und bezeugten große Freund' schaff. Minerva fragte, ob wir uns in der Minne niederlassen dürften. Das wurde geftattet unter Beding, daß wir ihnen wider die Nachbarsippen, die immer kamen und ihnen ihre Kinder entführten und ihre Habe raubten, im Kampfe beiftehen würden. Da bauten wir eine Burg anderthalben Pfahl vom Hafen. Auf Rat Minervas wurde sie Athenia geheißen : »denn« - sagte sie »die Nachfahren sollen wissen, daß wir hier nicht durch Lift oder Gewalt gekonr men, aber gleich Freunden3 empfangen worden sind.«

Derweilen wir an der Burg arbeiteten, kamen die Fürnehmften. Als sie nun sahen, daß wir keine Sklaven hatten, sagte ihnen solches nicht zu, und sie ließen es die Minerva fühlen, sintemalen sie dachten, daß sie eine Fürftin wäre. Aber Minerva fragte : »Wie bift du zu deinen Sklaven gekommen?« Sie antworteten : »Einige haben wir gekauft, andere im Kampfe gewonnen.« Mi' nerva sagte : »So wenn niemand Menschen kaufen wollte, würde niemand eure Kinder rauben und ihr würdet darob keinen Krieg haben. Willft du unser Bundesgenosse bleiben, so mußt du deine Sklaven frei lassen.« Das nun woll' ten die Fürnehmften nicht : sie wollten uns aber wegtreiben. Aber die kühn' ften ihrer Leute kamen, um unsere Burg bauen zu helfen, die wir nun von Stein machen. -

Als sie dies nun alles erzählt hatten, baten sie mit Ehrerbietung um eiserne Burgwaffen. »Denn«, sagten sie, »unsere Bedränger sind mächtig; doch so wir

1 donhis elanda = »insulae donicae, insulae piratarum«.

2 j Hellinggar , eig. »Haldenbewohner«.

3 Wortspiel von JTLthenia als Ortsnamen mit s = »Eidam, Schwager, Freund«.

echte Waffen haben, werden wir ihnen schon widerstehen.« Als sie dem zuge' Stimmt hatte, fragten die Leute, ob Fryas Sitten in Athen und in den anderen Krekalanden blühen würden. Die Mutter antwortete : »Falls die fernen Kre' kalande zu dem Erbteil Fryas gehörten, so werden sie dort blühen. Aber ge' hören sie nicht dazu, so wird darob gekämpft werden müssen. Denn der Kroder muß noch fünftausend Jahr mit seinem Jul umlaufen, bevor das Finda- Volk reif für die Freiheit sein wird.«

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Aus minnos Schriften

ls Nyhellenia, die mit ihrem eigenen Namen Min-erva hieß, sich richtig

JL Vniedergelassen hatte und die Krekaländer sie beinah ebenso liebten als unser eigenes Volk, kamen da einige Fürsten und Priester auf ihre Burg und fragten Min-erva, wo ihr Erbe läge. Hellenia antwortete : »Mein Erbe1 trage ich in meinem Busen. Was ich geerbt habe, i^t Liebe zur Weisheit, Gerechtig' keit und Freiheit. Habe ich die verloren, so bin ich dem geringsten eurer Skia' ven gleich. Nun gebe ich Rat ohne Entgelt, aber dann würde ich ihn verkaufen.« Die Herren gingen fort und riefen lachend : »Eure gehorsamen Diener, weise Hellenia.« Doch damit verfehlten sie ihr Ziel : denn das Volk, das sie lieb hatte und ihr folgte, nahm diesen Namen als einen Ehrennamen auf. Als sie sahen, daß ihr Schuß gefehlt hatte, da gingen sie hin, verleumdeten sie und sagten, daß sie das Volk behext hätte. Aber unser Volk und die guten Krekaländer zeugten alleweg, daß dies LaSter wäre.

Ein kamen sie und fragten : »Wenn du keine Hexe hi sä, was tust du dann mit den Eiern, die du immer bei dir haSt?« Minerva antwortete : »Diese Eier sind das Sinnbild der Ratgebungen Fryas, worin unsere Zukunft und die des ganzen Menschengeschlechts verhohlen liegt. Die Zeit muß sie ausbrüten, und wir müssen wachen, daß denen kein Leid widerfährt.« Die Priester erwiderten : »Gut gesagt. Aber wozu dient der Hund an deiner rechten Hand?« Hellenia antwortete : »Hat der Hirte keinen Schäferhund, um seine Herde zusammen- zuhalten? Was der Hund ist im Dienst des Schafhirten, bin ich in Fryas Dienst.

1 »mina erva«, die Mehrzahl, £teht in der Handschrift, also »meine Erben, Erbgüter«. Frie~ sische Humani&enetymologie.

s*

Ich muß über Fryas herde wachen.« »Das deucht uns gut«, sagten die Priester, »aber sag uns, was ift die Bedeutung der Nachteule, die immer über deinem Haupte ift? Ift das lichtscheue Tier etwa das Zeichen deines Hellsehens?« »Nein«, antwortete Hellenia, »es hilft mir erinnern, daß da ein Schlag Men' sehen auf der Erde umhergeht, daß wie sie in Tempeln und Höhlen haust, dort im Dunkeln wühlt, doch nicht wie sie, um uns von Mäusen und anderen Pia' gen zu erlösen, doch um Ränke zu ersinnen, andere Menschen ihres Wissens zu berauben, damit sie sie besser fassen mögen, um sie zu Sklaven zu machen und ihr Blut auszusaugen, so wie es die Vampire tun.«

Einft kamen sie mit einer Bande Volks. Peft war über das Land gekom' men. Sie sagten : »Wir alle sind im Begriffe, den Göttern zu opfern, damit sie die Peft abwehren mögen. Willst du denn nicht mithelfen, ihren Grimm zu stillen, oder haft du selber mit deinen Künsten die Peft über das Land ge' bracht?« »Nein«, sagte Minerva, »aber ich kenne keine Götter, die Arges tun : darum kann ich sie nicht bitten, ob sie besser werden wollen. Ich kenne nur einen Guten, das ift Wraldas Geift. Aber dadurch, daß er gut ift, tut er kein Übeles.« »Woher kommt dann das Übel?« fragten die Priester. »Alles Übel kommt von euch und von der Dummheit der Menschen, die sich von euch fangen lassen.« »Wenn deine Gottheit dann so besonders gut ist, warum wehrt sie dann dem Übel nicht?« fragten die Priester. Hellenia antwortete : »Frya hat uns auf den Weg gebracht, und der Kroder, das ift die Zeit, der muß das Übrige tun. Für alle Miß wende ift Rat und Hilfe zu finden. Doch Wralda will, daß wir diese selber suchen sollen, auf daß wir ftark werden und weise. Wollen wir nicht, dann läßt er unsere Trollheit auftrollen1, auf daß wir erfahren sollen, was nach weisen Taten und was nach törichten Taten folget.«

Da sagte ein Fürft: »Ich würde wähnen, daß es besser wäre, diesen zu weh' ren.« »Wohl möglich«, antwortete hellenia, »dann würden die Menschen blei' ben gleich den zahmen Schafen; du und die Priefter würden sie hüten wollen, aber auch scheren und zur Schlachtbank führen. Doch also will es unsere Gott' heit nicht. Sie will, daß wir einander helfen, aber sie will auch, daß jedweder frei sei und weise werde. Und das ift auch unser Wille. Und darum kürt unser

1 Unsere Torheit ausrasen.

Volk seine Fürnehm&en, Grafen, Ratgeber und alle Herren und Meister aus den Weisesten der guten Menschen, auf daß allmählich sein Bestes tun solle, um weise und gut zu werden. Indem wir also tun, werden wir einmal wissen und das Volk lehren, daß weise sein und weise tun allein führt zur Seligkeit (Glück).« »Das scheint ein Urteil«, sagten die Priester, »aber wenn du meinet, daß Pe^t durch unsere Dummheit kommt, würde Nyhellenia dann wohl so gut sein wollen, uns etwas von dem neuen Licht zu verleihen, auf das sie so ftolz Nt?« »Ja«, sagte Hellenia, »die Raben und andere Vögel fallen auf faules Aas ein, aber die Pesd liebt nicht allein faules Aas, sondern auch faulende Sitten und deren Bande. Willst du nun, daß die Peft von euch weichen und nicht wiederkommen soll, so mußt du dich von diesen Banden frei machen, auf daß ihr alle rein werdet von innen und von außen.« »Wir wollen glauben, daß dein Rat gut i&«, sagten die Priester, »aber sage uns, wie sollen wir alle Menschen, die unter unserer Gewalt sind, dazu bringen?« Da ftand Hellenia auf von ihrem Sessel und ^J?rach : »Die Spatzen folgen dem Säer, die Völker den guten Fürsten. Darum geziemet es euch, damit zu beginnen, euch selber also rein zu machen, daß ihr eure Blicke nach innen und außen richten möget, ohne Schamrot vor eurem eigenen Gemüt zu werden. Aber anstatt das Volk rein zu machen, habt ihr schmutzige Fefte erfunden, auf denen das Volk also lange säuft, daß es zuletzt wie die Barchen in dem Schlamm wühlt, damit ihr euren schmutzigen Gelüsten fröhnen möget.«

Das Volk begann zu johlen und zu Rotten. Dadurch wagten sie nicht, den Streit weiterzu^Jünnen. Nun sollte jeder wähnen, daß sie überall das Volk zu Häuf gerufen hätten, um uns allesamt aus dem Lande auszutreiben. Nein, am sdatt sie zu beschuldigen, gingen sie alle weg, auch zu den nahen Krekalanden bis zu den Alpen, um zu künden, daß der oberste Gott geruht hätte, seine weise Tochter Minerva, zugenannt Nyhellenia, unter die Menschen zu senden, über das Meer mit einer Wolke, um den Menschen guten Rat zu geben und damit allmänniglich, der auf sie hören wolle, reich und glücklich und einft Herr über alle Königreiche der Erde werden solle. Ihr Bildwerk stellten sie auf ihre Altäre oder verkauften es den dummen Menschen; sie verkündeten alle' weg Ratschläge, welche sie nimmer erteilt hatte, und erzählten Wunder, die sie nimmer getan hatte. Durch Li^t wußten sie sich unserer Gesetze und um serer Satzungen zu bemächtigen, und durch falsche Auslegungen wußten sie

alles zu weisen und umzudeuten. Sie stellten auch Maiden unter ihre Hut, die scheinbar unter der Hut von Fefta, unserer ersten Mutter waren, um über das heilige Licht zu wachen. Aber das Licht hatten sie selber entzündet, und anstatt die Maiden weise zu machen und nachdem unter das Volk zu senden, um die Siechen zu pflegen und die Kinder zu lehren, machten sie sie dumm und im Lichte dunkel, und sie durften niemals herauskommen. Auch wurden sie als Ratgeberinnen verwendet. Aber dieser Rat war nur zum Schein aus ihrem Munde : denn ihr Mund war nichts anderes als der Rufer, durch den die Prie' fter ihre Begehrnisse kundmachten.

Als Nyhellenia verschieden war, wollten wir eine andere Mutter kiesen. Einige wollten nach Texland, um dort eine zu erbitten. Aber die Priefter, die bei dem Volke die Gewalt wieder innehatten, wollten das nicht zugeben und machten uns bei dem Volke als unheilig kund.

' Dies itt über die Qertmänner

ls Hellenia oder Minerva geftorben war, da gebärdeten die Priefter sich,

-X Vals ob sie mit uns wären, und damit dies deutlich hervorgehen sollte, haben sie Hellenia zu einer Göttin ausgerufen. Auch wollten sie uns keine an- dere Mutter kiesen lassen unter dem Vorwand, sie befürchteten, daß unter ihren Maiden keine wäre, der sie so gut trauen könnten als Minerva, die Ny hellenia zugenannt war. Aber wir wollten Minerva nicht als eine Göttin erken" nen, sintemal sie selber gesagt hatte, daß niemand gut oder vollkommen sein könne außer Wraldas Geift. Darum koren wir die Tochter des Gert Pire zu unserer Mutter.

Als die Priefter sahen, daß sie ihren Hering nicht auf unserem Feuer bra- ten konnten, da gingen sie außerhalb Athene und verkündeten, daß wir ML nerva nicht als Göttin erkennen wollten aus Neid, weil sie den Einheimischen so viel Liebe bewiesen hatte. Fürder gaben sie dem Volke Bildwerke, die ihr glichen und bezeugten, daß man diese um alles bitten könnte, solange man

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gehorsam bliebe. Durch alle diese Erzählungen ward das dumme Volk von uns abwendig, und zuletzt fielen sie uns auf den Leib. Aber wir hatten unsere steinerne Burg mit zwei Hörnern nach der See umgebogen. Sie konnten uns darum nicht näher kommen. Jedoch was geschah : ein Egyptaländer, der ein Oberpriesder war, hell von Augen, klar von Verstand und licht von Geisd - sein Name war Sekrops - er kam, um Rat zu geben. Als Sekrops sah, daß er mit seinen Leuten unseren Wall nicht berennen konnte, sandte er Boten nach Thy ris. Demnach kamen da unerwartet dreihundert Schiffe voller Söldner von den wilden Bergvölkern und befuhren unseren Hafen, derweil wir mit allen Männern auf dem Wall kämpften.

Sobald sie den Hafen genommen hatten, wollten die wilden Söldner das Dorf und unsere Schiffe ausrauben. Ein Söldner hatte bereits ein Mädchen ge' schändet, aber Sekrops wollte das nicht zulassen, und die thyrischen Seeleute, die noch Fryas Blut im Leibe hatten, sagten : »Wenn du das tuft, so werden wir den roten Hahn auf unsere Schiffe setzen und dann wir^t du deine Berge nicht Wiedersehen.« Sekrops, der das Morden und Zerstören nicht liebte, sandte Boten nach Gert, um die Übergabe der Burg von ihr zu fordern : es werde ihr freier Abzug mit aller ihrer treibenden und fahrenden Habe gewährt und ebenso ihren Folgern. Die weisesten der Burgherren, die wohl sahen, daß sie die Burg nicht halten konnten, rieten Gert, daß sie schnell zugreifen sollte, bevor Sekrops wütend würde und anders begänne. Drei Monate ^J?äter zog Gert von hinnen mit den besten Fryaskindern und siebenmal zwölf Schiffen. Als sie eine Strecke außerhalb des Hafens waren, kamen da wohl dreißig Schiffe von Thyris mit Weibern und Kindern. Sie wollten nach Athen gehen, doch als sie hörten, wie es da beschaffen war, gingen sie mit Gert.

Der Seekönig der Thyrier brachte sie allesamt durch die Straße, die zu die' sen Zeiten in das Rote Meer auslief. Zuletzt landeten sie am Pangab, das ift in unserer Sprache »fünf Wasser«, weil fünf Flüsse mit ihr nach der See Strömen. Hier ließen sie sich nieder. Das Land haben sie Gertmannia geheißen. Als der König von Thyris darauf sah, daß seine besten Seefahrer sich davongemacht hatten, sandte er alle seine Schiffe mit seinen wilden Söldnern ihnen nach, um sie tot oder lebend zu fassen. Aber als sie an die Straße kamen, da bebte See und Erde. Fürder hob Irtha ihren Leib empor, so hoch, daß all das Wasser zur

Straße hinauslief und daß alle Wadden und Schären gleich einem Burgwall vor ihnen außtiegen1.

ßLus den Schriften SVfinnos

ls ich auf diese Weise mit meinen Leuten von Athenia weggefahren war,

A Vkamen wir schließlich an eine Insel, die von meinen Leuten Kreta ge' heißen wurde, wegen der wilden Schreie2, die das Volk bei unserem Kommen anhub. Als sie aber sahen, daß wir keinen Krieg im Schilde führten, wurden sie zahm, also daß ich zuletzt für ein Boot mit Eisengerät einen Hafenmund und eine Landftätte eintauschen konnte. Doch als wir dort eine Weile ansässig waren und sie bemerkten, daß wir keine Sklaven hatten, da waren sie entsetzt. Aber als ich ihnen erzählt hatte, daß wir Gesetze hätten, um über alle gleich zu berechten, da wollte das Volk auch solche haben. Doch kaum hatten sie diese, so geriet das ganze Land in Verwirrung. Die Fürsten und Priester kamen und klagten, daß wir das Volk aufsässig gemacht hatten, und das Volk kam zu uns um Schutz und Schirm. Doch als die Fürsten sahen, daß sie ihr Reich verlieren würden, da gaben sie dem ‘Volke Freiheit und kamen zu mir wegen eines Asegabuches. Das Volk aber war der Freiheit nicht gewohnt, und die Herren blieben walten nach ihrem Gutdünken.

Als dieser Sturm vorüber war, begannen sie Zwie^alt zwischen uns zu sähen. Sie sagten zu meinem Volke, daß ich ihre Hilfe angerufen hätte, um be' ständig König zu werden. Einmal fand ich Gift in meiner Speise. Als nun ein Schiff aus Flyland sich zu uns versegelt hatte, bin ich damit im Stillen fortge' zogen.

Indem ich mein eigenes Widerfahren jedoch hier lasse, will ich mit dieser Geschichte allein sagen, daß wir uns nicht mit dem Finda-Volk zusammentun müssen, wannen es auch sei, weil sie voller falscher Ränke sind, gleicherweise zu fürchten als ihre süßen Weine mit tötendem Gifte.

1 Vgl. Einleitung S. 280.

2 Eine Probe der humanistischen Etymologien von Codex C : Wortspiel zwischen Kreta, Namen der Insel, und den »kreta« = Schreie, mnl. crete, nnl. kreet.

' ln dem Jahre tausendundfünf, nachdem Jdldland versunken itt, ifi dies an der Ottwand in "Fryas-'Burg geschrieben1

Nachdem wir in zwölf Jahren keinen Krekaländer in Almanland gese- hen hatten, kamen hier drei Schiffe, so schmuck, wie wir keine hatten und nimmer zuvor gesehen hatten. Auf dem stattlichsten war ein König der Ionischen Insel : sein Name war Ulysus und der Ruf seiner Weisheit war groß. Diesem König war von einer PrieSterin geweissagt worden, daß er König über alle Krekalande werden sollte, so er Rat wüßte, sich eine Lampe zu beschaffen, welche an der Lampe zu Texland angezündet wäre. Um sich einer zu bemäclr tigen, hatte er viele Schätze mitgebracht, besonders Frauenschmuck, wie sie in der Welt nicht schöner gemacht wurden. Sie kamen von Troja, einer Stadt, welche die Krekaländer eingenommen hatten. Alle diese Schätze bot er der Mutter an. Aber die Mutter wollte davon nichts wissen. Als er zuletzt sah, daß sie nicht gewonnen werden konnte, ging er nach Walhallagara2.

Dort saß eine Maid, ihr Name war Rat; doch im Volksmunde wurde sie Kalip genannt, aus dem Grunde, weil ihre Unterlippe wie ein Ausguckbord hervorsdach. Bei dieser hat er ein Jahr geweilt zum Ärger von allen, die es wuß' ten3. Nach der Aussage der Maiden hat er zuletzt von ihr eine Lampe erhalten. Doch sie hat ihm nicht viel genützt : denn als er in See gekommen Nt, ift sein Schiff untergegangen, und er nackt und bloß von den anderen Schiffen aufge' nommen worden.

Von diesem König ift hier ein Schreiber zurückgeblieben von reinem Fry asblut, geboren in dem neuen Hafen von Athenia, und was hier folget, hat er für uns über Athenia geschrieben. Daraus mag man ersehen, wie wahr die

1 2193-1005 = 1188 v. Chr.

2 Walcheren; die hier mitgeteilte Sage von der Landung des Ulixes (Ulysses) weicht erheb" lieh ab von dem Bericht des Tacitus Germ., 3. Kp., der ihn zum Gründer von Asciburg am Rhein macht. Vgl. Heilige Urschrift, S. 249 f.

3 die Kalypso des Homer (Od. 12, 403-453).

Mutter Hell-Licht gebrochen hat, als sie sagte, daß Fryas Sitten in Athenia keinen Stand halten konnten.

»Von den anderen Krekaländern haSt du gewiß viel Übeles über Sekrops gehört : denn er Stand in keinem guten Ruf. Aber ich wage zu sagen : er war ein erleuchteter Mann, hochgerühmt sowohl bei den Einheimischen als bei uns. Denn er war keiner, der die Menschen duckte, wie die anderen Priester, aber er war tugendsam und er wußte die Weisheit der weitab wohnenden VöL ker nach Wert zu schätzen. Darum, weil er das wußte, hat er uns geblattet, daß wir nach unserem eigenen gleichen Asegabuch leben durften. Es ging eine Er zählung herum, daß er uns gewogen wäre, weil er gezeugt sein sollte aus einem Fryasmädchen und einem ägyptischen Priester, aus dem Grunde, weil er blaue Augen hatte, und daß bei uns viele Mädchen geraubt und nach den Egiptalam den verkauft worden waren.

Doch selber hat er es nimmer gestanden. Wie es damit sei, sicher iSt, daß er uns mehr Freundschaft bewies als alle anderen Priester zusammen. Aber als er geworben war, fingen seine Nachfolger gar bald an, unsere Gesetze zu zerstückeln und allmählich so viele schlechte Küre zu machen, daß zu guter Letzt von Gleichheit und Freiheit nichts anderes als der Schein und der Name übrig blieb. Weiter wollten sie nicht gestatten, daß die Satzungen schriftlich abgefaßt wurden, wodurch das Wissen darum für uns verborgen ward. Vorher wurden alle Sachen innerhalb Athenias in unserer Sprache bedingt. Nachdem mußte es in beiden Sprachen geschehen, zuletzt allein in der Landessprache.

In den erSten Jahren nahm das Mannvolk in Athenia nur Weiber von un" serem Geschlecht : aber das Jungvolk, aufgewachsen mit den Mädchen der Landeseinsassen, nahm auch diese. Die BaStardkinder, die daraus entsprossen, waren die schönsten und gescheitesten in der Welt, aber sie waren auch die ÄrgSten. Hinkend auf beiden Seiten, sich kümmernd um keine Sitte noch Brauch, es sei denn, daß es zu ihrem eigenen Nutzen wäre. Also lange als ein Strahl von Fryas GeiSt einwirkte, wurden alle BauStoffe zu gemeinen Werken verarbeitet, und niemand durfte ein Haus bauen, das geräumiger und reicher war als das seines Nächsten. Doch als einige entartete Städter reich geworden waren durch unsere Fahrt und durch das Silber, das die Sklaven aus den Sil“ berlanden gewannen, da gingen sie draußen auf den Halden oder in den Tä' lern wohnen. Allda hinter hohen Wällen von Laubbäumen oder Stein bauten

sie Höfe mit kostbarem Hausrat, und um bei den schmutzigen Priestern in gutem Rufe zu Stehen, stellten sie dort falschen Göttern gleichende und um

züchtige Bilder auf. Bei den schmutzigen Priestern und Fürsten wurden die

Knaben vielfach mehr begehrt als die Töchter, und off durch Reichtümer oder Gewalt von dem Pfade der Tugend abgeführt. Da Reichtum bei dem verdor benen und entarteten Geschlecht weit über Tugend und Ehre galt, sah man allzumal Knaben, die sich selber mit weiten reichen Kleidern schmückten, ihren Eltern und den Mädchen zur Schande und ihrem Geschlechte zum Spotte. Kamen unsere einfältigen Eltern in Athenia auf die gemeine Acht und wollten sie darüber Klage führen, so wurde gerufen : »Hört, hört, da wird eine Seemumme reden.«

So i& Athenia geworden gleich einem Moorland in den heißen Landen, voll Blutsaugern, Poggen und giftigen Schlangen, in das kein Mensch von Strengen Sitten seinen Fuß setzen kann.

‘Dies fleht auf all unseren ‘Burgen. ‘Wie unsere ‘Dänemarken uns verlorengingen, sechzehnhunderundzwei Jahre nachdem JLldland versunken ifl1

urch Wodins Torheit und Vermessenheit war der Magy Herr über

Jl y Schonlands Oberteil geworden ; über die Berge und die See wagten

sie nicht zu kommen. Die Mutter wollte es nicht zurückhaben. Sie ^>rach und sagte : »Ich sehe keine Gefahr in seinen Waffen, aber wohl darin, die Schon" länder wieder zurückzunehmen, dieweil sie entartet und verdorben sind.« Auf der gemeinen Acht dachte man dergleichen. Darum ift es ihm gelassen.

Vor reichlich hundert Jahren begannen die Dänemärker mit ihm Handel zu treiben. Sie gaben ihm eiserne Waffen und Gerät ; dafür tauschten sie goh dene Schmucksachen nebft Kupfer und Eisenerde ein. Die Mutter sandte Boten und riet ihnen, sie sollten den Handel fahren lassen. Da wäre Gefahr, sagte sie, für ihre Sitten, und so sie ihre Sitten verlören, würden sie auch ihre Freiheit verlieren. Aber die Dänemarker hatten keine Ohren dafür : sie wollten

1 2193-1602 = 591 v. Chr.

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nicht begreifen, daß ihre Sitten verdorben werden könnten. Darum achteten Sie dessen nicht. Zu guter Letzt vergeudeten sie ihre eigenen Waffen und Zeh' rung. Aber dieser Fehltritt erwirkte seine eigene Buße ! Ihre Leiber wurden beladen mit Tand und Schein, aber ihre Karten, Spinde und Scheuern wurden leer. Gerade hundert Jahre, nachdem das er^te Schiff mit Leibeszehrung von der Küste gefahren war, kam Armut und Mangel durch die Fenster herein ; Hunger ^»reizte seine Schwingen und strich nieder auf das Land ; Zwie^alt lief &olz über die Straßen und fürder in die Häuser ; für Liebe konnte länger keines Bleibens sein, und Eintracht floh dahin. Das Kind verlangte Essen von seiner Mutter, aber die Mutter hatte wohl Zierat, aber kein Essen. Die Frauen kamen zu ihren Männern, diese gingen zum Grafen, die Grafen hatten selber nichts oder hielten es verhehlt. Nun mußte man die Schmucksachen verkam fen : aber derweilen die Seeleute damit weggezogen waren, kam Froft und legte ein Brett nieder auf die See und über die Straße1. Als Froft die Brücke hergesdellt hatte, schritt Wachsamkeit darüber zum Lande hinaus, und Verrat erstieg ihren Sitz. Anstatt die Ufer zu bewachen, Rannten sie ihre Pferde vor ihre Schlitten und rannten nach Schonland hin. Doch die Schonländer, die be' gierig waren nach dem Lande ihrer Ahnen, kamen nach Dänemarken. In einer hellen Nacht kamen sie alle. Sie erklärten, daß sie Recht hätten auf das Land ihrer Ahnen, und derweilen man deswegen kämpfte, kamen die Finnen in die verlassenen Dörfer und rannten mit den Kindern davon. Dadurch und weil sie keine guten Waffen hatten, verloren sie den Kampf, und der Magy wurde Herr. Das kam daher, daß sie Fryas Rat nicht lasen und ihre Ratschläge ver nachlässigt hatten.

Es gibt welche, die der Meinung sind, daß sie durch die Grafen verraten sind ; daß die Maiden dies schon lange geahnt hatten. Doch so wenn jemand darüber reden wollte, wurde ihm der Mund mit goldenen Ketten geschnürt. Wir können darüber kein Urteil fällen, aber wir wollen euch zurufen : »Verlaßt euch nicht zu sehr auf Weisheit und Tugend weder eurer Fürnehm&en noch eurer Maiden : denn soll es sich bewähren, so muß jedweder wachen über seine eigenen Leidenschaften und für das allgemeine Heil.

Zwei Jahre danach2 kam der Magy selber mit einer Flotte von leichten Käh-

1 Der Sund.

2 489 v. Chr.

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nen, um die Mutter von Texland und die Lampe zu rauben. Diese arge Tat be' Stand er zur Nacht im Winter bei Sturmgezeit, als der Wind heulte und Hagel gegen die Fenster prasselte. Der Ausguck, der etwas zu hören vermeinte, ent' zündete den Ballen. Sobald das Licht vom Turm auf das Rundwerk fiel, sah er, daß schon viele gewappnete Männer über den Burgwall gekommen waren. Nun ging er hin, um die Glocke zu läuten : doch zu Sj)ät. Ehe die Wehr kampfi bereit war, wurde die Pforte schon von zweitausenden gerammt. Der Kampf dauerte darum kurz : denn dadurch, daß die Wehr keine gute Wache gehalten hatte, kamen alle um.

Während alles im vollen Handgemenge war, hatte sich ein schmutziger Finne zu der Flete oder dem Bettraum der Mutter eingeschlichen und wollte sie notzüchtigen. Die Mutter wehrte ihn ab, daß er rückwärts gegen die Wand Strauchelte. Als er wieder auf den Beinen war, Stach er sein Schwert in ihren Bauch mit den Worten : »Willst du meine Rute nicht, so sollst du mein Schwert haben.« Hinter ihm kam ein Schiffer von den Dänemärkern ; der nahm sein Schwert und hieb den Finnen durch seinen Schädel.

Der Magy ließ die Mutter auf seinem Schiffe pflegen. Als sie nun soweit heil und besser war, daß sie mit feSter Stimme reden konnte, sagte der Magy, daß sie mit ihm fahren müßte, doch daß sie ihre Lampe und ihre Maiden be' halten sollte ; daß sie einen Staat führen würde, so hoch, wie sie vorher nie ge' kannt hätte. Fürder sagte er, daß er sie fragen würde in Gegenwart seiner FürnehmSten, ob er Herr über alle Lande und Völker Fryas werden sollte. Er sagte, daß sie das bejahen und bestätigen sollte, sonst würde er sie unter vielen Wehen Sterben lassen. Als er danach alle seine FürnehmSten um ihr Lager ver sammelt hatte, fragte er laut : »Frana, dieweil du klarsehend biSt, sollst du mir sagen, ob ich einmal über alle Lande und Völker Fryas herrschen werde?« Frana tat, als beachtete sie ihn nicht. Zuletzt öffnete sie ihre Lippen und Sprach : »Meine Augen werden verdunkelt, doch das andere Licht tagt auf in meiner Seele. Ja, ich sehe es. Höre, Irtha, und freue dich mit mir. In den Zei-

1 Zutat eines £f>äteren Abschreibers : es dürfte sich bei dem Turmwächter wohl nur um Luren- oder Hörnerruf gehandelt haben. Die »Glocke« iSt uns vorgeschichtlich germanisch noch nicht belegt.

ten, daß Aldland versunken iSt, Stand die erSte Speiche des Juls im Topp. Da' nach iSt sie niedergegangen und unsere Freiheit mit ihr. Wenn es zwei Spei' chen oder Zweitausend Jahre sich niedergewendelt hat, so werden die Söhne aufStehen, die die Fürsten und Priester durch Buhlerei bei dem Volke gezeugt haben, und werden wider ihre Väter zeugen. Diese alle werden durch Mord erliegen : aber was sie gekündet haben, wird fürder bleiben und fruchtbar wer den in den Busen der rüstigen Männer, gleich gutem Samen, der niedergelegt ward in deinen Schoß. Noch tausend Jahre wird die Speiche sich nieder neigen und immer mehr sinken in Dunkelheit und Blut, über dich ausgegossen durch die Ränke der Fürsten und Priester. Dann wird das Morgenrot wieder anfan' gen zu glasten. Dies sehend, werden die falschen Fürsten und Priester zusanr men wider die Freiheit kämpfen und ringen. Aber Freiheit, Liebe und Eintracht werden das Volk in ihre Hut nehmen und mit dem Jul aus dem Pfuhl aufSteigen. Das Licht, das zuerst getagt hat, wird dann von lichter Lohe zu einer wallenden Glut werden1. Das Blut der Argen wird über deinen Leib Strö' men, aber du darßt es nicht zu dir nehmen. Zuletzt wird das giftige Getier darauf äsen und darob Sterben. Alle unreinen Geschichten, die ersonnen sind, um die Fürsten und PrieSter zu rühmen, werden der Flamme geopfert werden. Fürder werden alle deine Kinder in Frieden leben.«

Als sie ausgesprochen hatte, sank sie nieder. Aber der Magy, der sie nicht gut verstanden hatte, schrie : »Ich habe dich gefragt, ob ich herrschen werde über alle Lande und Völker Fryas, und nun haSt du zu einem anderen geSpro' chen.« Frana richtete sich wieder auf, sah ihn Starr an und sagte : »Ehe sieben Etmelda2 um sein werden, wird deine Seele mit den Nachtvögeln um die Grä-

1 Die Handschrift hat für diese wunderbare Stelle mit ihrer herrlichen Steigerung das alt" germanische glora = »glasten, glänzen«. Die Stelle lautet : »'Th et ljucht, thet eroTt allena glorade, skil thanfon lejar laja ton-n logha wertha.« Der Ausdruck »lichter laaie« hat sich im Niederländischen noch erhalten, während es logha = »Lohe« verlor ; umgekehrt im Deutschen, wo laja verschwand und logha blieb. Die Alliteration iSt hier ebenfalls ein Wahrzeichen des hohen Alters der Überlieferung.

2 Das »etmeld«, im Niederländischen noch als »etmaal« erhalten, iSt der Zeitraum von Tag und Nacht, 24 Stunden.

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ber irren und dein Leichnam auf dem Meeresgrund liegen.« »Sehr wohl«, sagte der Magy mit verborgener Wut, »sag nur, daß ich komme.« Weiter sagte er zu seinen Schergen : »Wirf das Weib über Schiffsbord.« Also war das Ende der letzten der Mütter.

Rache wollen wir darob nicht rufen, die wird die Zeit nehmen. Aber tau' send mal tausendmal wollen wir Frya nachrufen : »Wache, wache, wache!«

*Wie es dem tMagy weiter ergangen itt

Nachdem die Mutter ermordet war, ließ er die Lampe und die Maiden nach seinem Schiffe führen, nebft allem Hausrat, der ihm gut deuchte. Fürder fuhr er die Flysee aufwärts, denn er wollte die Maid von Medeasblik oder Stavora rauben und dann zur Mutter machen. Doch da waren sie auf ihrer Hut. Die Seeleute von Stavora und Alderga wären ihm gerne entgegen' gezogen, aber die große Flotte war auf einer weiten Fahrt. Nun gingen sie hin und fuhren mit ihrer kleinen Flotte nach Medeasblik und hielten sich versteckt in dem Lee der Bäume. Der Magy näherte sich Medeasblik am hellen Tage und bei scheinender Sonne. Trotzdem gingen seine Leute dreist auf die Burg los. Aber als das Volk mit den Booten gelandet war, kamen unsere Seefahrer aus dem Schlupfhafen hervor und schossen ihre Pfeile mit Terpentinballen auf seine Flotte. Sie waren so wohl gerichtet, daß viele seiner Schiffe zur Stund in Brand gerieten. Die auf den Schiffen die Wacht hielten, schossen auch auf uns ; doch sie trafen nichts. Als zuletzt ein Schiff brennend nach dem Schiff des Magy trieb, befahl er seinem Schiffer, er sollte abhalten. Aber der Schiffer, der der Dänemarker war, der den Finnen gefällt hatte, antwortete : »Du haft unsere Ehrenmutter auf den Seegrund gesandt, um zu melden, daß du konr men würdest. Das könntest du in der Haft wohl vergessen. Nun will ich sor gen, daß du dein Wort hältft.« Der Magy wollte ihn abwehren; aber der Schiffer, ein echter Fryas und ftark wie ein Lochochse, klemmte seine beiden Hände um seinen Schädel und hub ihn über Bord in das wogende Haff. Dar auf hißte er seinen braunen Schild in Topp und fuhr geradezu nach unserer Flotte hin. Dadurch kamen die Maiden unversehrt zu uns ; aber die Lampe war ausgegangen und niemand wußte, wie das gekommen war. Als sie auf den

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nicht zerstörten Schiffen hörten, daß der Magy ertrunken war, machten sie sich davon, denn die Seeleute darauf waren meistens Dänemärker. Nachdem die Flotte fern genug war, wendeten unsere Seeleute und schossen ihre Brandpfeile auf die Finnen herab. Als die Finnen das sahen, wie sie verraten waren, lief alles durcheinander : es gab länger keinen Gehorsam noch Gebot. In dem Augenblick jagte die Wehr sie aus der Burg. Wer nicht floh, wurde nie' dergemacht, und wer floh, fand sein Ende in den Pfuhlen des Krylinger Wal' des.

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Aus dem Buche der Folgeradelas

Dreißig Jahre nach dem Tage1, da die Volksmutter umgebracht war von dem obersten Magy, war es schlimm bestellt. Alle Staaten, welche lie' gen an der anderen Seite der Weser, waren von uns abgekehrt und unter die Gewalt des Magy geraten. Und es war zu befürchten, daß er gewaltig werden könnte über das ganze Land. Um dem Unglück zu wehren, hatte man eine ge' meine Acht belegt, wo alle Männer versammelt waren, die in einem guten Rufe bei den Maiden fanden. Doch nachdem da mehr als drei Etmelda2 ver strichen waren, war der ganze Gaurat durcheinander und alles wie bei ihrem Kommen.

Zuletzt erbat Adela das Wort und sagte : »Ihr alle wißt, daß ich zur Mutter gekoren wurde, und auch, daß ich keine Mutter sein wollte, weil ich Apol3 zu meinem Ehegatten begehrte. Doch was ihr nicht wißt, das iSt, daß ich allen Ereignissen nachgegangen bin, gleich wenn ich eine wirkliche Volksmutter ge' wesen wäre. Ich bin allemal hin und her gefahren, um zu sehen, was geschah. Dadurch sind mir viele Sachen offenbart worden, welche andere nicht wissen. Ihr habt gestern gesagt, daß unsere Sippen an der anderen Seite der Weser um terwürfig und feige wären. Doch ich darf zu euch sagen, daß der Magy nicht einen Gau durch die Gewalt seiner Waffen abgewonnen hat, sondern bloß durch arglistige Ränke und noch mehr durch die Gierigkeit der Herzoge und Edelingen. Frya hat gesagt, wir sollten keine unfreien Leute bei uns zulassen. Doch was haben sie getan? Sie sind unseren Feinden gefolgt : denn anstatt ihre Gefangenen zu töten oder frei zu lassen haben sie Fryas Rat mißgeachtet und sie zu ihren Sklaven gemacht. Dieweil sie so taten, mochte Frya nicht läng-

i 459 v. Chr.

2 etmeld. = Tag und Nacht, 24 Stunden.

3 Apol, vgl. Aufgang der Menschheit, S. 119, und Heilige Urschrift, Anm. 15 zum 1. Haupt" Stück, S. (8).

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ger über sie wachen : sie haben einem anderen die Freiheit genommen, und das ift die Ursache, daß sie ihre eigene verloren haben.

Doch dies hieße euch Bekanntes vermehren. Ich will euch aber sagen, wie sie allmählich so niedrig versegelt sind. Die Weiber der Finnen bekamen Kur der. Diese wuchsen mit unseren freien Kindern auf. Zuweilen tollten und ^>iek ten sie zusammen auf dem Hof, oder sie waren miteinander bei dem Herd. Dort hörten sie mit Luft nach den irreführenden Sagen der Finnen, weil sie deutungsvoll und neu waren. So sind sie entartet1 2, trotz der Gewalt ihrer EL tern. Als die Kinder groß wurden und sahen, daß die Kinder der Finnen keine Waffen führen durften und nur arbeiten mußten, so gewannen sie eine Ver achtung für die Arbeit und wurden sehr hochfährtig. Die Führer und ihre kräf' tigften Söhne krochen zu den lockeren Finnenmädchen, und ihre eigenen Töchter, durch das unreine Bei^ffel irregeführt, ließen sich selber schwängern von den schönften Finnenknaben, ihren unreinen Eltern zum Spotte. Als der Magy davon Witterung erhielt, da nahm er die schönften seiner Finnen und Magjaren und verbrach ihnen Kühe mit goldenen Hörnern, so sie sich von unserem Volke fassen ließen, damit sie seine Lehre weiterverbreiteten. Aber seine Leute taten mehr : Kinder wurden beiseitegeschafft, nach den Upsalam den weggebracht, und sobald sie in seiner Lehre aufgezogen worden waren, wurden sie wieder zurückgesandt. Als die Scheinsklaven unserer Sprache mächtig waren, da klammerten sie sich den Herzogen und Edelingen an Bord und kündeten, daß sie dem Magy hörig sein sollten, so könnten ihre Söhne ihnen nachfolgen, ohne von dem Volke gekoren zu werden.

Denjenigen, die um guter Taten willen ein Vorderteil zu ihrem Hause er halten hatten, verhießen sie von seinetwegen einen Afterteil dazu ; solchen, die einen Vorder- und Afterteil erhalten hatten, verbrachen sie einen Rundteil dazu, und denen, die einen Rundteil hatten, eine ganze State3. Waren die Eltern zu hartgesottene Fryas, so wendeten sie den Steven und hielten auf die verba- fterten Söhne an.

Geftern gab es welche unter euch, die wollten all das Volk zuhauf rufen, um die öftlichen Staaten wieder zu ihrer Pflicht zu zwingen. Doch nach mei-

1 untfryaü hat die Handschrift, also »entfryaft«, »entfrieft«.

2 State = »Hofsitz«.

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ner einfältigen Meinung würde das verkehrt ausgehen. Denket einmal, es wäre eine schwere Lungenseuche unter dem Vieh gewesen und hätte arg gewütet, würdet ihr dann wohl wagen, euer heiles Vieh inmitten des siechen Viehes zu führen? So wenn ein jemand nun bejahen und bestätigen muß, daß es seinem ViehStapel übel ergehen könnte, wie würde er dann so dreiSt sein, seine Kinder zu wagen inmitten eines Volkes, das ganz und gar verdorben iSt?

Dürfte ich euch einen Rat geben, ich würde zu euch sagen : »Ihr müßtet vor allen Dingen eine neue Volksmutter kiesen. Ich weiß wohl, daß ihr damit in der Verlegenheit seid, aus dem Grunde, weil von den dreizehn Burgmaiden, die wir noch übrig haben, wohl acht da sind, die nach dieser Ehre dingen. Aber dessen würde ich keine Acht haben. Tüntja, die Maid iSt auf der Burg Mede' asblik, hat sich darob nie gekümmert : doch sie iSt voller Wissen und Klarse' hen und hält so feSt zu ihrem Volke und unseren Sitten als alle anderen zusammen. Fürder würde ich euch raten : Ihr solltet zu den Burgen gehen und dort aufschreiben alle Gesetze, Fryas Rat, nebft allen Geschichten, ja alles, was da auf den Wänden zu finden Ht, damit nicht alles verloren gehe und mit den Burgen zerstört werde. Da &eht geschrieben : »Die Mutter und eine jegliche Burgmaid soll haben, außer Helfern und Sendboten, einundzwanzig Maiden und sieben Lehrmädchen. Dürfte ich dem etwas hinzufügen, so würde ich schreiben - und also viele ehrsame Töchter, um zu lehren, als da auf den Bur gen sein können. Denn ich sage in Treue und die Zeit wird es bestätigen : So wenn ihr echte Fryaskinder bleiben wollt, nimmer zu überwinden, weder durch LiSt noch durch Waffen, so habt ihr dessen Obacht zu geben, daß eure Töchter echte Fryasweiber werden. Die Kinder soll man lehren, wie groß unser Land ehemals gewesen iSt, wie große Männer unsere Ahnen waren, wie groß wir noch sind, so wir uns zu den anderen herablassen1 ; man soll ihnen erzäh' len von den Recken und ihren reckenhaften Taten, auch von den fernen See' zügen. Alle diese Erzählungen sollen bei dem Herd geschehen, auf dem Hof und wo es sein mag, so mit Freude wie mit Tränen. Aber soll es Standfest wer den in den Köpfen und den Herzen, so müssen alle Lehren über die Lippen eurer Weiber und Töchter darin Strömen.«

Adelas Rat ist befolgt.

1 So wir uns mit den anderen messen.

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' Dies sind die (frevetmänner, unter deren "Walten dies "Buch verfaßt wurde

Apol, Adelas Mann. Dreimal er Seekönig gewesen, nun i& er Grevetr mann über CM-Flyland und über die Lindaorte. Die Burgen Ljudgarda, Lindahem und Stavia sind unter seiner Hut.

Der Saxmann Storo, Sytjas Mann, Grevetmann über die hohen Fennen und Wälder. Neunmal i& er zum Herzog, das Ht Heermann, gekoren. Die Bur gen Buda und Mannagarda-forda1 sind unter seiner Hut.

Abelo, Jaltjas Mann, Grevetmann über die Süder-Flylande und Texland. Neunmal ift er zum Seekönig gekoren. Die Waraburg, Medeasblik, Forana und Alt-Fryasburg sind unter seiner Hut.

Foppa, Mann von Dunros, Grevetmann über die See-Inseln. Fünfmal ift Seekönig gewesen. Die Burg Walhallagara i& unter seiner Hut2.

* * *

Mein Name i^t Adelbroft, Sohn von Apol und Adela. Durch mein Volk bin ich gekoren zum Grevetmann über die Linda-Orte. Darum will ich dieses Buch fortsetzen auf die Weise, wie meine Mutter gebrochen hat.

Nachdem der Magy erschlagen und Fryasburg wiederhergeftellt war, sollte eine Mutter gekoren werden. Bei ihrem Leben hatte die Mutter keine Nachfolgerin ernannt. Ihr letzter Wille war weg und nirgends zu finden. Sie- ben Monate ^>äter wurde eine gemeine Acht belegt, und zwar zu Grenega3, aus dem Grunde, weil es an die Sachsenmarken grenzt. Meine Mutter wurde gekoren, aber sie wollte nicht Mutter sein. Sie hatte das Leben meines Vaters gerettet : dadurch hatten sie einander liebgewonnen und wollten nun Gatten werden. Viele wollten meine Mutter von ihrem Beschlüsse abbringen. Aber meine Mutter sagte : »Eine Ehrenmutter soll also rein in ihrem Gemüt sein, als sie äußerlich erscheint und gleich mild für alle ihre Kinder. Nachdemmalen

1 Münster in Westfalen, zur Zeit Karls des Sachsenschlächters Mimigardevord geheißen.

2 Walcheren.

3 Groningen.

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ich Apol nun lieb habe über alles in der Welt, so kann ich eine solche Mutter nicht sein.«

So £j?rach und redete Adela ; aber die anderen Burgmaiden wollten alle' samt Mutter sein. Jedweder Staat dingte für seine eigene Maid und wollte nicht zurückftehen. Dadurch i^t keine gekoren worden, und das Reich wurde ohne Zusammenhalt. Aus dem folgenden möget ihr es begreifen.

Ljudgert, der König, der heutigentages verschieden Ht, war beim Leben der Mutter gekoren, anscheinend durch alle Staaten mit Liebe und Zutrauen. Es war seine Reihe, um auf dem großen Hof zu Dokhem zu hausen ; und bei dem Leben der Mutter ward ihm dort große Ehre bewiesen. Denn es war dort immer voll von Boten und Reutern von nahe und fern, wie man es nie zuvor gesehen hat. Doch nun war er einsam und verlassen, denn ein jeder befürch' tete, daß er sich rechtswidrig zum Herrn machen könnte und herrschen wie die Sklavenkönige. Jeder Häuptling wähnte fürder, daß er genug tat, wenn er über seinen eigenen Staat wachte ; und der eine gab dem anderen nicht nach.

Mit den Burgmaiden war es noch schlimmer bestellt. Jedwede rühmte sich der eigenen Weisheit, und wenn die Grevetmänner etwas taten ohne sie, so erwirkten sie Mißtrauen zwischen ihm und seinem Volke. Geschah eine Sache, die viele Staaten betraf, und hatte man den Rat einer Maid eingeholt, so riefen die anderen, daß sie gebrochen hätte zum Nutzen ihres eigenen Staa' tes. Durch solche Ränke brachten sie Zwie^alt über die Staaten und lockerten sie die Banden dermaßen, daß das Volk des einen Staates neidisch wurde auf das Volk des anderen Staates und es mindestens als Fremde betrachtete. Der Nutzen davon iSt gewesen, daß die Golen oder Trowyden uns all das Land ab' gewonnen haben bis zur Schelde und der Magy bis zur Weser. Wie es hierbei zugegangen iSt, hat meine Mutter dargelegt ; sonSt wäre dies Buch nicht ge' schrieben worden, obgleich ich alle Hoffnung verloren habe, daß es noch fronr men wird. Ich schreibe also nicht in dem Wahne, daß ich dadurch das Land werde gewinnen oder behalten. Das iSt meines Erachtens untunlich. Ich schreibe allein für das nachkommende Geschlecht, auf daß sie allesamt wissen mögen, auf welche Art und Weise wir zugrunde gingen, und damit ein jeder daraus lernen möge, daß alles Übel seine Buße zeugt.

* * *

Man hat mich Apollonia geheißen. Zweimal dreißig Tage nach dem Tode meiner Mutter hat man AdelbroSt, meinen Bruder, erschlagen gefunden auf der Werft, sein Haupt gehalten und seine Glieder auseinandergerissen. Mein Vater, der siech daniederlag, iSt vor Schrecken gestorben. Da iSt Apol, mein jüngerer Bruder, von hier nach der Westseite von Schonland gefahren. Dort hat er eine Burg gebaut, Lindasburch geheißen, um von da unser Leid zu rä' chen. Wralda hat ihm dazu viele Jahre verliehen. Er hat fünf Söhne gewonnen: allesamt bringen sie dem Magy Schrecken und meinem Bruder Freuden. Nach dem Tode meiner Mutter und meines Bruders sind die Wackersten aus dem Lande zusammengekommen : sie haben einen Bund geschlossen, Adelbund geheißen. Auf daß uns kein Leid widerfahren sollte, haben sie mich und Adel' hirt, meinen jüngsten Bruder, auf die Burg gebracht, mich zu den Maiden und meinen Bruder zu den Wehren. Als ich dreißig Jahre alt war, hat man mich zur Burgmaid gekoren, und als mein Bruder fünfzig war, wurde er zum Gre' vetmann gekoren. Von Mutters Seite war mein Bruder der sechste, aber von Vaters Seite der dritte. Nach Recht dürfen also seine Nachfahren nicht Overa Linda (Über die Linden) hinter ihrem Namen führen1, aber ein jeder wollte es haben, meiner Mutter zu Ehren. Überdies hat man uns auch eine Abschrift gegeben von dem Buche der Folger Adelas. Darob freue ich mich am meisten, denn durch die Weisheit meiner Mutter kam es in die Welt. In der Burg habe ich noch andere Schriften gefunden, die nicht in dem Buche Stehen, auch Lob" reden auf meine Mutter. Von allen diesen will ich nachher schreiben.

1 Wie in den Islandsagas, führt das Geschlecht den Namen des Hofsitzes.

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Dies sind die nachgelassenen Schriften Brunnos, der Schreiber

GEWESEN IST AUF DIESER BURG

achdem die Folger Adelas alles hatten abschreiben lassen, ein jeder in

X N seinem Reiche, was auf den Wänden der Burg geschrieben war, be' schlossen sie, eine Mutter zu kiesen. Dazu war eine gemeine Acht belegt auf diesem Hiem1. Nach dem Rate Adelas wurde Tüntja empfohlen. Sie würde auch Erfolg gehabt haben. Doch da erbat meine Burgmaid das Wort. Sie hatte immer gewähnt, daß sie Mutter werden sollte, aus dem Grunde, daß sie hier auf der Burg saß, von der mei^t alle Mütter gekoren waren. Als ihr das Wort vergönnt wurde, öffnete sie ihre falschen Lippen und ^>rach: »Ihr alle scheint Adelas Rat großen Wert beizumessen. Das wird darum meinen Mund nicht schließen noch schnüren. Wer i^t doch Adela, und woher kommt es, daß ihr ihr solch hohes Lob ^»endet? Gleich mir heutzutage, i& sie zuvor hier Burg' maid gewesen. Doch ift sie darum weiser und besser als ich und alle anderen? Oder hält sie mehr auf unsere Sitten und Bräuche? Wäre dies der Fall, so würde sie wohl Mutter geworden sein, als sie dazu gekoren war. Aber nein, sie wollte lieber eine Ehe haben mit aller Wonne und Lu^t, die damit verbun' ben i&, anstatt einsam über sich und das Volk zu wachen. Sie ift klarsehend. Gut! Aber meine Augen sind weit davon entfernt, verdunkelt zu sein. Ich habe gesehen, daß sie ihren Lriedel sehr minnte. Nun gut, das ift löblich. Aber ich habe fürder gesehen, daß Tüntja die Nichte Apols ift. Weiter will ich nichts

sagen.«

1 Das altfriesische hem, him, heme bedeutet allgemein »eingehegter Raum«, später »Grund" sdück, Haussdätte«.

Die FürnehmSten begriffen sehr wohl, wo sie Luv suchte1. Aber unter das Volk kam Zwiespalt, und sintemal die Mehrheit von hier kam, wollte sie Tüntja die Ehre nicht gönnen. Reden wurden geendet, die Messer aus der Scheide ge' zogen, aber da ward keine Mutter gekoren. Kurz darnach hatte einer unserer Boten seinen Gefährten gefällt. Bis heutzutag war er tüchtig gewesen, darum hat meine Burgmaid Urlaub, ihm aus den Landpfählen zu helfen. Doch anstatt ihm zu helfen, nach dem Twiskland zu entkommen, floh sie selber mit ihm über die Weser und fürder zu dem Magy. Der Magy, der seinen Fryassöhnen gefallen wollte, bestellte sie als Mutter auf Godaburg und Schonland. Aber sie wollte mehr. Sie sagte ihm, daß, so er Adela beiseiteschaffen könnte, er Herr werden sollte über das ganze Fryasland. Sie wäre eine Feindin Adelas, sagte sie, denn durch ihre Ränke wäre sie keine Mutter geworden. So wenn er ihr Texland zuSjtrechen wollte, würde ihr Bote seinen Kriegern als Wegweiser die' nen. Alle diese Sachen hat ihr Bote selber gestanden.

T)ie andere Schrift

ünfzehn Monate nach der letzten Acht war Freundschaffs- oder Winne'

monat. Ein jeder gab sich der luftigen Freudigkeit hin, und niemand hatte andere Sorge, als sein Vergnügen zu mehren. Doch Wralda wollte uns zeigen, daß Wachsamkeit nicht vernachlässigt werden darf. Inmitten des Fe' sfefeierns kam der Nebel und hüllte unsere Orte in dichte Dunkelheit ein. Das Vergnügen floh dahin, aber die Wachsamkeit wollte nicht zurückkehren. Die Strandwächter waren von ihren Notfeuern weggelaufen, und auf den Zugangs' pfaden war niemand zu sehen. Als der Nebel hinwegzog, drang die Sonne durch die WolkenSj^alten auf die Erde. Ein jeder kam zurück, um zu jauchzen und zu johlen : das junge Volk zog singend mit dem Maienbaum umher, und dieser erfüllte die Luft mit seinem lieblichen Geruch.

Aber dieweilen sich ein jeder in Vergnügen badete, war Verrat gelandet mit Rossen und Reutern. Gleich allen Bösen, wurde ihnen von der Finsternis geholfen, und sie waren hereingeschlüpft durch die Pfade des Lindenwaldes. Vor Adelas Türe zogen zwölf Mädchen mit zwölf Lämmern und zwölf Kna-

i Die Luvseite iSt die Windseite ; die der SeemannsSf>rache entnommene Wendung besagt also : man wußte bei ihr, woher der Wind wehte.

ben mit zwölf Kälbern1 ; ein junger Saxmann beritt einen wilden Bullen, den er selber gefangen und gezähmt hatte. Mit allerhand Blumen waren sie geziert, und die leinenen Obergewänder der Mädchen waren umbordet mit Gold aus dem Rhein2.

Als Adela von ihrem Hause auf den Weg kam, fiel ein Blumenregen auf ihr Haupt nieder ; alles jauchzte laut, und die Tuthörner der Knaben gellten über alles hinaus. Arme Adela, armes Volk, wie kurz sollte die Freude hier weilen. Als die lange Schar den Blicken entschwunden war, kam eine Horde Magjaren- Reuter schnurgerade auf Adelas Hiem losgerannt. Ihr Vater und ihr Gatte saßen auf der Stufenbank. Die Türe .Stand offen, und drinnen Stand Adel' broSt, ihr Sohn. Als er sah, in welcher Gefahr seine Eltern waren, griff er sei' nen Bogen von der Wand und schoß nach dem vordersten der Räuber. Dieser wankte und taumelte nieder ins Gras. Dem zweiten und dem dritten war ein gleiches Los beschert. Inzwischen hatten seine Eltern ihre Waffen ergriffen und zogen unbesorgt ihnen entgegen. Sie wären bald von den Räubern gefan' gen worden, aber da kam Adela. Auf der Burg hatte sie gelernt, alle Waffen zu führen ; sieben Erdfüße war sie lang, und ihr Schwert gleich lang3. Dreimal schwang sie es, und als es niederkam war ein Reuter grasfällig.

Gefolgsleute kamen um die Ecke des Feldweges heran. Die Räuber wur den gefällt oder gefangen. Doch zu Sj)ät. Ein Pfeil hatte ihren Busen getroffen. Verräterischer Magy. In Gift war seine Spitze getaucht, und darob iSt sie ge' Storben.

'Der 'Burgmaid 'Lob

I a, fernbeheimateter Freund, Tausende sind schon gekommen und noch I mehr sind unterwegs.

Wohl, sie wollen Adelas Weisheit hören.

1 hoklinga = einjährige Kälber.

2 Das tohneka genannte Obergewand möchte Ottema nicht von dem lateinischen tunica ableiten, sondern als Zusammenstellung von to = »zu« und hnekka = »Nacken, Hals« be~ trachten, also »ein bis zum Hals reichendes Gewand«.

3 Mittelalterliche Herkunft dürfte die Bezeichnung der »Reuter« als »Ritter«, sowie das Zweihänderschwert der Adela und die sagenhaft anmutenden Maße ihrer GeStalt sein.

Gewiß i& sie eine Fürstin, denn sie i& immer die fürder&e gewesen.

O weh, wozu sollte sie dienen ? Ihr Hemd i^t von Leinen, ihr Übergewand von Wolle, die sie selber ^J?ann und webte. Womit würde sie ihre Schönheit erhöhen? Nicht mit Perlen, denn ihre Zähne sind weißer1 ; nicht mit Gold, denn ihr Haar i& leuchtender ; nicht mit Steinen. Wohl sind ihre, Augen sanft als Lammesaugen, doch zugleich so glasend, daß man darin mit Scheu nur sehen konnte.

Jedoch was rede ich von schön? Ja, Freund, Frya, die sieben Schönheiten besaß, deren ihre Töchter jede eine aber höchstens dreie geerbt haben, Frya war gewiß nicht schöner. Aber wäre sie häßlich gewesen, doch würde sie uns teuer sein.

Ob sie reckenhaft war? Lausche, Freund, Adela i& das einzige Kind unse' res Grevetmannes. Sieben Erdfüße i& sie hoch, noch größer als ihr Leib ift ihre Weisheit, und ihr Mut i& gleich beiden zusammen.

Lug hier, da war einmal ein Fennbrand. Drei Kinder waren auf jenen Grab' ftein gedrungen. Wind blies scharf. Jedweder schrie, und die Mütter waren ratlos. Da kommt Adela. »Was fteht und zaudert ihr«, ruft sie, »versucht Hilfe zu bringen, und Wralda wird euch Kräfte geben.« Da läuft sie nach dem Kryk wald, ergreift Gesträuch, versucht eine Brücke zu machen. Nun helfen auch die anderen, und die Kinder sind gerettet.

Jährlich kamen die Kinder hier, um Blumen niederzulegen. Da kamen drei phönizische Schiffsleute, die an ihnen freveln wollten. Aber Adela eilte hinzu : sie hatte ihr Schreien gehört. In Ohnmacht schlug sie die Übeltäter, und damit sie es selber gestehen sollten, daß sie unwürdige Männer wären, band sie sie allesamt an einem Spinnrocken fe^t. Die fremden Herren kamen

1 Das altfriesische, althochdeutsche per(e)la, perala isT: entlehnt aus dem frühmittelalt. pe~ rula. Da es sich nicht um die altgermanischen B er nsflei np erlen oder Glasfluß- oder Email" leperlen handelt, isd dieser Vergleich auf Rechnung des Schreibers von Codex C zu setzen, wenn nicht von D. Der blumige Stil erinnert an die Beschreibung der drei Stammütter der Menschheit und dürfte aus derselben Feder geflossen sein. Aber auch hier wurde Ech" tes, Altes verarbeitet, sagenhafte Motive von der verehrten und geliebten Gestalt der Adela : dies geht auch aus den mythischen Anklängen hervor, z. B. den »sieben Schönheiten Fryas«, der »sieben Erdfüße« messenden Größe der Adela.

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und forderten ihr Volk zurück. Als sie sahen, wie ihnen mitgeSjüelt worden war, Stieg der -Zorn bei ihnen hoch. Doch man erzählte ihnen, wie es sich zu' getragen hatte. Was sie fürder taten? Sie beugten sich vor Adela und küßten den Saum ihres Übergewandes.

Komm, weitab wohnender Freund, die Waldvögel fliehen vor den vielen Besuchern. Komm, Freund, so darfst du ihre Weisheit hören.

Nun will ich selber schreiben, erü über meine ‘Burg und dann über dasjenige, was ich habe sehen dürfen

eine Burg liegt an dem Nordende des Ljudgartens. Der Turm hat

JL V L.sechs Seiten. Dreimal dreißig Fuß iSt er hoch, flach von oben ; ein kleines Häuschen darauf, von wo man die Sterne betrachten kann. An jeder Seite des Turms Steht ein Haus, lang dreihundert und breit dreimal sieben Fuß, gleich hoch, außer dem Dach, das rundlich iSt : alle diese von hartgebak' kenem Stein, und von außen sind keine anderen. Um die Burg iSt ein Ring' deich und darum ein Graben, tief dreimal sieben und breit dreimal zwölf Fuß. Sieht jemand von dem Turm herab, so sieht er die Gestalt des Juls. Auf dem Grund zwischen den südlichen Häusern sind allerlei Kräuter von nah und fern : deren Kräfte müssen die Maiden lernen. Zwischen den nördlichen Häu' sern iSt allein Feld. Die drei nördlichen Häuser sind voll Korn und anderem Behuf. Zwei südliche sind für die Maiden, um Schule zu halten und zu hausen. Das südlichste Haus iSt das Heim der Burgmaid. In dem Turm hängt die Lampe. Die Wände des Turms sind geschmückt mit koStbaren Steinen1. Auf der Südwand iSt der »Rat« (Fryas) geschrieben, an der rechten Seite findet man die Altlehre, an der linken Seite die Gesetze. Die anderen Sachen findet man auf den drei anderen Seiten. Gegen den Deich, bei dem Haus der Burg-

i Die Maße der Burganlage sowie die Kranbogen dürften bereits der sagenhaften Ausge" staltung der Überlieferung des frühen Mittelalters angehören. Die »kostbaren Steine« sind jedoch geschichtlich. Es handelt sich dabei nicht etwa um Edelsteine, sondern um die aus rotem Lehm gebrannten Steine, welche mit symbolischen Ornamenten ge" schmückt waren ; vgl. Abbildung 213.

maid, fteht der Ofen und die Mühle, von vier Ochsen gedreht. Außerhalb um seres Burgwalles i& das Hiem1, auf dem die Burgherren und die Wehrer woh' nen. Der Ringdeich darum i^l eine Stunde groß, nicht eine Seemanns-, sondern eine Sonnenstunde, wovon zweimal zwölf auf eine Etmelde2 entfallen. An der Innenseite des Teiches i^t eine Platte, fünf Fuß unterhalb des Randes. Darauf sind dreihundert Kranbogen, zugedeckt mit Holz und Leder. Außer den Häusern der Einwohnenden sind darinnen, den Deich entlang, noch drei' mal zwölf Nothäuser für die Umwohnenden. Das Feld dient als Lager und Weide.

An der Südseite des äußersten Ringdeiches i& die Ljudgarde umzäunt von dem großen Lindawalde. Seine Gestalt i& dreihörnig, der breite Teil auswärts, damit die Sonne darin scheinen möge. Denn darin sind viele fremdländische, von unseren Seefahrern mitgebrachte Bäume und Blumen. So wie die Gestalt unserer Burg ift, sind alle anderen; jedoch unsere i& die größte. Aber die von Texland i& die allergrößte : der Turm von Fryasburg ift so hoch, daß er die Wolken reißt. Dem Turm entprechend ift alles andere.

Bei uns auf der Burg i& alles so verteilt : sieben junge Maiden wachen bei der Lampe ; eine jede Wache dauert drei Stunden. In der anderen Zeit müssen sie Hausarbeit verrichten, lernen und schlafen. Haben sie sieben Jahre gewacht, so sind sie frei. Sie dürfen dann unter die Menschen gehen, um auf ihre Sitten zu achten und Rat zu geben. I& eine drei Jahre Maid gewesen, so mag sie zeit' weise mit den älteren Maiden mitgehen.

Der Schreiber muß die Mädchen lesen, schreiben und rechnen lehren. Die Greise oder Greva müssen sie lehren Recht und Pflicht, Sittenkunde, Kräuter künde, Heilkunde, Geschichte, Erzählungen und Gesänge, neb^t allerhand Dingen, die ihnen nützlich sind, um Rat zu erteilen. Die Burgmaid muß sie lehren, wie sie es bei den Menschen verwenden wollen. Ehe eine Burgmaid ihre Stelle antritt, soll sie durch das Land reisen ein volles Jahr. Drei Greva- Burgherren und drei Altmaiden gehen mit ihr mit. Also ift es auch mir gegan' gen.

1 Hiem, vgl. Anm. S. 82.

2 etmelde = Tag und Nacht, 24 Stunden.

Meine Fahrt i& den Rhein entlang gewesen, dieses Ufer aufwärts, die an" dere Seite entlang abwärts. Je höher ich hinaufkam, um so ärmlicher erschie' nen mir die Menschen. Überall in dem Rhein hatte man Auslegen gemacht. Der Sand, der sich darin sammelte, wurde mit Wasser über Schafsfelle gegos' sen, um Gold zu gewinnen. Aber die Mädchen trugen davon keine goldenen Kronen2. Es waren ehemals deren mehr gewesen, aber seit wir Schonland ver loren hatten, sind sie nach den Bergen gegangen. Dort schürfen sie Eisenerde, wovon sie Eisen machen.

Oberhalb des Rheines, zwischen dem Gebirge, da habe ich Marsaten ge' sehen. Die Marsaten sind Menschen, die in den Maren1 2 3 wohnen. Ihre Häuser sind auf Pfählen gebaut. Das Ut wegen des wilden Getieres und der bösen Menschen. Da gibt es Wölfe, Bären und schwarze greuliche Löwen. Und sie sind die Stammnachbarn oder Angrenzenden der nahen Krekaländer4, der Kelta- Anhänger und der verwilderten Twisker, alle gierig nach Raub und Beute. Die Marsaten erhalten sich mit Fischen und Jagen. Die Häute werden von den Frauen verarbeitet und zubereitet mit Rinde von Birken. Die kleinen Häute sind sehr weich, wie Frauenfilz. Die Burgmaid von Fryasburg sagte uns, daß sie gute, einfältige Menschen wären. Doch hätte ich sie dies nicht vorher sagen hören, so würde ich meinen, daß dieselben keine Fryas, sondern Wilde wären : so dreist sahen sie aus. Ihre Felle und Kräuter werden von den Rhein' bewohnern eingehandelt und durch die Schiffe ausgeführt.

Die andere Seite entlang war es desgleichen bis zur Lydasburg. Da war eine große Flete. Auf dieser Flete waren auch Menschen, die Häuser auf Pfäh' len hatten. Aber das war kein Fryas- Volk, sondern schwarze und braune Men" sehen, die als Ruderer gedient hatten, um den Außenfahrern nach Hause zu helfen. Sie mußten dort bleiben, bis die Flotte wieder wegzog.

Zuletzt kamen wir nach dem Alderga. Am Südhafenkopf sdeht die Wara" bürg, ein Steinhaus ; darin werden allerhand Muscheln, jedwegliche Waffen

1 Wahrscheinlich geflochtene Horden, eine Buhnenart.

2 An Stelle des urgermanischen symbolischen Kopfschmuckes, des »Hauptbandes«, altfri. havedband, hafdband wird erSt in nachchristlicher Zeit von den Römern die »corona« als Wort und Abzeichen übernommen.

3 Fri. mar bedeutet »Teich«, »Sumpfsee«, »Wassergraben«.

4 Italien.

und Kleider verwahrt, aus fernen Landen von den Seefahrern mitgebracht. Ein Viertel von dort isL das Alderga, eine große Flete, umrandet von Scheunen, Häusern und Gärten, alles reichlich geschmückt. Auf der Flete lag eine große Flotte bereit, mit Fahnen von allerhand Farben. Auf Fryaftag hingen die Schilde um die Schiffsborde herum, welche blinkten wie die Sonne. Die Schilde des Weißkönigs und des Schultes-bei-Nacht waren mit Gold umbortet. Hinter der Flete war eine Gracht gegraben, welche von dort längs der Burg Forana und weiter mit einem engen Mund in die See auslief. Für die Flotte war dies der Ausgang und das Fly der Eingang. An beiden Seiten der Gracht sind schöne Häuser, mit hellblinkenden Farben bemalt. Die Gärten sind mit immergrünen Hagen umzäunt. Ich habe dort Frauen gesehen, die Filzgewän' der trugen, als ob es Schreibfilz wäre. Wie zu Staveren, waren die Mädchen mit goldenen Kronen auf ihrem Haupte und mit Ringen an den Armen und Füßen geschmückt.

Südlich von Forana liegt Alkmarum1. Alkmarum ift eine Mare oder Flete, darinnen eine Insel liegt : auf der Insel müssen die schwarzen und braunen Menschen verweilen, gleich wie zu Lydasburg. Die Burgmaid von Forana sagte mir, daß die Burgherren täglich zu ihnen gingen, um sie zu lehren, was echte Freiheit sei, und wie die Menschen in Minne leben sollten, um Segen von Wraldas Geift zu gewinnen. War einer dabei, der hören wollte und begreifen konnte, so wurde er dabehalten, bis er ausgelernt hatte. Das wurde getan, um die fernwohnenden Völker weise zu machen und um überall Freunde zu ge' winnen. Ehedem war ich in den Sachsenmarken auf der Burg Mannagarda' forda2 gewesen. Doch da habe ich mehr Dürftigkeit gesehen als hier Reichtum. Sie antwortete : »So wenn da in den Sachsenmarken ein Freier kommt, um ein Mädchen zu freien, so fragen die Mädchen: Kannst du dein Haus freiweh' ren wider die geächteten Twiskländer? Haft du schon einen gefällt? Wieviel Wildochsen haft du schon gefangen, und wie viele Bären- und Wolfshäute haft du schon zu Markt gebracht?« Daher ift es gekommen, daß die Sachs' männer den Ackerbau den Frauen überlassen haben ; daß von hundert zusam-

1 Alkmaar in Nordholland.

2 Münfter in Weftfalen.

men nicht einer lesen und schreiben kann. Daher iSt es gekommen, daß nie' mand einen Spruch auf seinem Schilde hat, sondern bloß eine mißförmige Gestalt eines Tieres, das er gefällt hat. Und endlich iSt es daher gekommen, daß sie sehr kriegerisch geworden sind, aber zumalen ebenso dumm sind wie das Getier, das sie fangen, und ebenso arm wie die Twiskländer, mit denen sie Krieg führen.

Für Lryas Volk iSt Erde und See geschaffen. Alle unsere Flüsse Strömen in die See. Lydas Volk und Findas Volk werden einander vertilgen, und wir müs' sen die ledigen Lande bevölkern. In dem Hin- und Umfahren liegt unser Heil. Willst du nun, daß die Oberländer teilhaben an unserem Reichtum und um serer Weisheit, so werde ich dir einen Rat geben. Laßt es den Mädchen zur Gewohnheit werden, ihre Lreier zu fragen, ehe sie »ja« sagen : »Wo biSt du schon in der Welt umhergefahren? Was kannst du deinen Kindern erzählen von fernen Ländern und von den ferne wohnenden Völkern?«

Tun sie also, dann werden die streitbaren Knaben zu uns kommen1. Sie werden weiser und reicher werden, und wir werden dieses schmutzigen VoT kes2 nicht weiter bedürfen.

Die jüngSte der Maiden, die bei mir waren, kam aus den Sachsmarken her. Als wir nun nach Hause kamen, hat sie Urlaub erbeten, um heimwärts zu gehen. Nachdem iSt sie dort Burgmaid geworden, und daher iSt es gekommen, daß heutzutage so viele Sachsmänner mit unseren Seeleuten fahren.

1 d. h. nach Friesland.

2 Dies bezieht sich auf die Hilfsruderer von den Mittelmeervölkern.

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die Schriften von

FRETHORIK UND WILJOW

ein Name Frethorik, zugenannt Ura Linda, das heißt »Über die

Linden«1. Zu Ljudwardja bin ich zum Asega gekoren worden. Ljud'

wardja ift ein neues Dorf, innerhalb des Ringdeiches der Burg Ljudgarda, deren Name in Unehre geraten UL Zu meinen Zeiten hat sich viel ereignet. Viel habe ich darüber geschrieben ; aber mir wurden noch viel Dinge gemeldet. Von dem einen und anderen will ich eine Geschichte nach diesem Buche schreiben, den guten Menschen zur Ehre, den schlechten zur Unehre.

In meiner Jugend hörte ich allerseits klagen : arge Zeit kam, arge Zeit war gekommen, Frya hätte uns verlassen ; ihre Wachmaiden hätte sie zurückge' halten, denn götzengleichende Bildwerke wären innerhalb unserer Landpfähle gefunden. Ich brannte vor Neugierde, diese Bildwerke zu sehen. In unserer Nachbarschaft humpelte ein altes Weiblein in die Häuser hinein und heraus und rief immer über die arge Zeit. Ich drehte ihr längsseits bei2. Sie strich mir ums Kinn. Nun wurde ich dreist und fragte sie, ob sie mir die arge Zeit und die Bilder einmal zeigen wollte. Sie lächelte gütig und brachte mich auf die Burg. Ein Greis fragte mich, ob ich schon lesen und schreiben könnte. »Nein«, sagte ich. »Dann mußt du erft gehen und lernen«, sagte er, sonft darf ich es dir nicht zeigen.« Täglich ging ich zu dem Schreiber, um zu lernen. Acht Jahre 4>äter hörte ich, daß unsere Burgmaid Hurerei getrieben hätte und einige Burgherren Verrat mit dem Magy geübt hätten und viele Menschen auf ihrer Seite wären. Überall entstand Zwie^alt. Da waren Kinder, die wider ihre ei' genen Eltern sich auflehnten. Im geheimen wurden die braven Leute ermor-

1 über = jenseits, also »jenseits des Lindenwaldes« oder »jenseits des Lindaflusses«.

2 Seemannsausdruck »ich ging an ihre Seite«, »ich geselle mich ihr zu«.

o

det. Das alte Weiblein, das alles offenkundig gemacht hatte, wurde tot in einem Graben gefunden. Mein Vater, der Richter ift, wollte sie rächen. Zur Nacht wurde er in seinem Hause ermordet. Drei Jahre ^J?äter war der Magy Herr ohne Kampf. Die Sachsmänner waren fromm und klug geblieben. Zu ihnen flohen alle guten Menschen. Meine Mutter i^t darob geworben. Nun tat ich wie die anderen. Der Magy brüstete sich mit seiner Schlauheit. Aber Irtha sollte ihm zeigen, daß sie keinen Magy noch Götzen zulassen mochte zu ihrem heiligen Schoß, aus dem sie Frya gebar. Gleich dem wilden Rosse, das seine Mähne schüttelt, nachdem es seinen Reiter grasfällig gemacht hat, so schüttelte Irtha ihre Wälder und Berge. Flüsse ergossen sich über die Felder. Die See kochte. Die Berge ^J?ien Feuer nach den Wolken, und was sie ge^ien hatten, schmetterten die Wolken wieder auf die Erde. Am Anfänge des Arnemonates1 neigte sich die Erde nordwärts ; sie sank nieder, immer tiefer und tiefer. In dem Wolfenmonat2 lagen die niederen Marken (Dänemarken) von Fryas Land in der See versunken. Die Wälder, in denen Bildwerke waren, wurden empor gehoben von der Winde Spiel. Das Jahr darauf kam Fr oft in dem Herdemonat3 und bedeckte Alt-Fryas Land gänzlich mit einem Eisbrett. Im Sellamonat4 kam Sturmwind aus dem Norden her und führte Berge von Eis und Steinen mit sich. Als die Springflut kam, hob Irtha sich selber hoch. Das Eis schmolz dahin. Ebbe kam und die Wälder mit den Bildwerken trieben zur See. In dem Winne- oder Minnemonat5 fuhr ein jeder, der es wagte, wieder heim.

Ich kam mit einer Maid auf die Burg Ljudgarda. Wie traurig sah es da aus. Die Wälder der Linda-Orte waren größtenteils fort. Da, wo der Ljudgarten gewesen war, war See. Seine Wellen peitschten den Ringdeich. Eis hatte den Turm zerstört, und die Häuser lagen durcheinander. An dem Abhang des Dei' ches fand ich einen Stein : unser Schreiber hatte seinen Namen eingeritzt. Das war mir eine Bake6.

So wie es unserer Burg ergangen war, so war es auch den anderen ergair gen. In den hohen Landen waren sie durch die Erde, in den niederen Landen durch das Wasser zerstört. Nur Fryasburg auf Texland ward unverletzt gefuir den. Aber alles Land, das nordwärts gelegen war, lag unter See. Noch ift es

1 Erntemonat.

4 Hornung.

2 Wintermonat. 5 Mai.

3 Hartung 6 Boje

nicht wieder emporgehoben. An dieser Seite der Flysee hatten sich, wie be' richtet wurde, dreißig salzige Seen gebildet, entstanden durch die Wälder, die mit Boden und allem weggetrieben waren. In Weft-Flyland fünfzig. Die Gracht, die vor dem Alderga quer durch das Land lief, war versandet und zer Stört. Die Seeleute und anderes fahrendes Volk, die daheim waren, hatten sich selber mit Wagen und Sippen auf die Schiffe gerettet. Aber das schwarze Volk von Lydasburg und Alkmarum hatte desgleichen getan. Derweilen die Schwär zen südwärts trieben, hatten sie viele Mädchen gerettet, und da niemand kam, sie zurückzufordern, behielten sie sie als ihre Frauen. Die Menschen, die zu" rückkamen, ließen sich alle innerhalb der Ringdeiche der Burgen nieder, weil außerhalb alles Schlamm und Bruch war. Die alten Häuser waren zusammen" gerüttelt. Aus den Oberlanden kaufte man Kühe und Schafe, und in den gro" ßen Häusern, da zuvoren die Maiden untergebracht waren, wurde nur Tuch und Filz gemacht, um des Lebens willen. Dies geschah eintausendachthun" dertundachtundachtzig Jahre, nachdem Atland versunken war1.

Zweihundertzweiundachtzig Jahre2 hatten wir keine Ehrenmutter gehabt, und nun alles verloren schien, ging man eine kiesen. Das Los fiel auf Gosa, zugenannt Makonta. Sie war Burgmaid in Fryasburg auf Texland. Hell von Haupt und klar von Sinn, sehr gut, und dieweil ihre Burg allein erhalten war, sah ein jeder daraus ihren Ruf. Zehn Jahre ^J?äter kamen die Seeleute von Fo" rana und von Lydasburg. Sie wollten die schwarzen Leute mit Weib und Kind zum Lande hinauftreiben. Darob wollten sie den Rat der Mutter einholen. Aber Gosa fragte: »Kannft du den einen und anderen zurückführen nach sei" nen Landen, dann solltet du dich beeilen, sonft werden sie ihre Magen nicht wiederfinden.« »Nein«, sagten sie. Da sagte Gosa : »Sie haben dein Salz geko" ftet und dein Brot gegessen. Ihr Leib und Leben sind unter eure Hut geftellt. Ihr müßt euer eigenes Herz untersuchen. Aber ich will euch einen Rat geben. Behaltet sie so lange, bis ihr imftande seid, sie wieder heimzuführen. Aber haltet sie außerhalb eurer Burgen. Wachet über ihre Sitten und lehret sie, als ob sie Fryas Söhne wären. Ihre Frauen sind hier die ftärkften. Wie Rauch wird

1 2192-1888 = 305 v. Chr.

2 Seit 587 v. Chr.

ihr Blut sich verflüchtigen, bis zuletzt nichts anderes als Fryas Blut in ihren Nachkommen bleiben wird.«

So sind sie hier geblieben. Nun wünsche ich wohl, daß meine Nachkonr menschaff darauf achtete, inwiefern Gosa Wahrheit Sprach.

Als unsere Lande wieder begangen werden konnten, kamen da Bande armer Sachsmänner und Frauen nach den Orten von Staveren und dem AL derga, um goldene und andere Schmucksachen in dem sumpfigen Boden zu suchen. Doch die Seeleute wollten es nicht zulassen. Da gingen sie und besie' delten die leeren Dörfer von We^t-Flyland, um ihren Leib zu erhalten.

Fdun will ich schreiben, wie die Qeertmänner und viele "Folger der Odellenia zurückkamen

Zwei Jahre nachdem Gosa Mutter wurde1, fiel eine Flotte in den Flysee ein.

Das Volk rief »ho-n-seen!«2 Sie fuhren nach Stavoren, da riefen sie noch einmal. Die Fahnen waren im Topp, und zur Nacht schossen sie Brandpfeile in die Luft. Als es tagte, ruderten welche mit einer Schnecke in den Hafen hin' ein ; sie riefen wieder: »ho-n-seen!« Als sie landeten, Strang ein junger Kerl auf den Wall. In seinen Händen hatte er ein Schild, darauf war Brot und Salz ge' legt. Danach kam ein Greis. Er sagte: »Wir kommen von den fernen Kreka' landen her, um unsere Sitten zu wahren. Nun wünschen wir, ihr möchtet so mild sein und so viel Land geben, daß wir darauf wohnen können.« Er er zählte eine ganze Geschichte, die ich hiernach besser beschreiben will. Die Greise wußten nicht, was tun ; sie sandten Boten allewege, auch zu mir. Ich ging hin und sagte: »Nun wir eine Mutter haben, sollten wir ihren Rat erfra' gen.« Ich selber ging mit. Die Mutter, die schon alles wußte, sagte : »Laß sie kommen, so mögen sie unser Land erhalten helfen. Aber laßt sie nicht an einer Stelle bleiben, damit sie keine Gewalt über uns bekommen.«

Wir taten, wie sie gesagt hatte. Das war ganz in ihrem Sinn. Friso verblieb mit seinen Leuten in Stavoren, das sie wieder zu einer Seestadt machten, so gut sie konnten. Wichhirte ging mit seinen Leuten ostwärts nach der Eemude. Einige der Jonier, die meinten, daß sie dem Alderga-Volk entsprossen waren,

303 v. Chr.

2 Vgl. Fußnote 3, S. 58.

gingen dahin. Ein kleiner Teil, der wähnte, daß seine Vorfahren von den sie' ben Inseln hergekommen waren1, ging dorthin und ließ sich innerhalb des Ringdeiches der Burg Wallhallagara nieder.

Verfolgende Teil, welcher die 'Rückfahrt der 'Indo-Triesen erzählt, wurde von mir geflrichen, da er wahrscheinlich eine humanistische 'Überarbeitung dar Stellt, also aus der Teder des Schreibers von Kodex C Stammen würde. LAlt und von größter 'Wichtigkeit, wie ich in der Einleitung (S. 280 f) dargelegt habe, iSt der ^Anfang ; » Nachdem wir zwölfmal und zweimal zwölf Jahre bei den »Tünf 'Wassern« gesessen hatten2, derweilen unsere Seekämpen alle Seen befuhren, die zu finden sind, kam Alexander der 'König mit einem gewaltigen JJeer von oben, den Strom entlang, und befuhr unsere 'Dörfer.« Es geht daraus hervor, daß die von Strabo erwähnte Siedlung JVtinagara, welche an der 'Indusmündung am Jvleere lag, nicht umfangreich gewesen sein kann. Es wird nun erzählt, daß die am JVteere wohnenden Seeleute sich mit ihrer ganzen JJabe auf die Tlotte ein ' schiffen und die hohe See gewannen. Alexander, der erfuhr, welche große Tlotte ihm entgangen war, drohte alle 'Dörfer zu verbrennen, falls sie nicht wiederkäme. Zwischen dem krank am 'Wall liegenden 'Wichirte und ^Alexander wird nun eine 'Übereinkunft geschlossen, daß die Tryas ihm als freie gegen 'Lohn dienen sollen, und zwar für die 'Überführung seines JJeeres nach dem »heiligen Qanges«, den ^Alexander zu 'Lande nicht hatte erreichen können, ^Alexander ließ von seinen Soldaten 'Bäume fällen, die die friesischen Zimmerleute zu Schiffen verarbeiten sollten. T)ie aus den 'Bergen flammenden Soldaten, die sich vor der See fürchte' ten, zündeten die Zimmerschuppen an, wobei das ganze T)orf verbrannte. LAlex' ander ifl wütend und will die Schuldigen hinrichten lassen. OAearchus rät ihm ab. ^Alexander gibt seinen 'Plan auf und entschließt sich zum Kückzug. 'Diefrie ' sische Tlotte, mit 'Weibern und Kindern - anscheinend als Tfand für ihre Treue - und die neuen Schiffe, welche dem 'Brand entkommen und mit Ioniern und Krekaländern bemannt waren, fahren nun nach der Euphratmündung, während J Alexander die Küfle entlang durch die 'Wüfle zieht.

T)er 'Vertrag lautete dahin, daß die Qeertmänner so weit fahren sollen und dann dort eine Siedlungsflätte wählen oder zurückkehren konnten. LAufJAear chus Ersuchen fährt dann die Tlotte im Qoldsolde ^Alexanders noch bis zum Ende des Koten EMeeres, wo sie von zweihundert Elefanten und taufend Käme' len auf Kalken innerhalb dreier JVtonate nach dem JVfittelmeer gezogen wird, und zwar durch die 'Wüfle, welche sich seit jener 'Durchfahrt der Tlotte der

1 Seeland

2 Alexander erscheint 327 v. Chr. am Indus ; die Niederlassung der Geertmänner hat also 1551 v. Chr. sdattgefunden.

Qeertmänner-VLhnen gebildet hatte. Kearchus hätte ihnen gesagt, daß sein ' König den anderen Königen seine Allmacht zeigen wollte. »Ms Alexander er fuhr, wie sein Entwurf ausgegangen war, wurde er so vermessen, daß er die trok~ kene Straße ausheben lassen wollte, Irtha zum Spotte. Selber Wralda ließ seine Seele los ; darum ertrank er in dem 'Wein und seinem Übermut, ehe er damit beginnen konnte.«

Kfearchus schlägt den Qeertmännern die VLnsiedlung an der phönizischen Küfte vor. Sie lehnen ab und erklären, lieber die Rückfahrt nach Tryasland wagen zu wollen. Trotzdem scheinen sie aus Treundschaft für 'JSearchus, »den wir als ein Wischblut erkannten, wegen seiner frischen Odaut, feiner blauen VLugen und seines hellen Odaares«, noch geblieben zu sein, und verhelfen dem Städtezwinger Demetrius, dem Sohne seines Treundes VLntigonus, in dem See " kämpfe gegen Ttolemäus zum Siege, VLuch weiterfahren sie sein Odeer nach rRho~ dos hinüber. Demetrius vergreift sich aber in ^Abwesenheit des friesischen Seekönigs Triso an dessen Tochter und Sohn. Triso bewegt seine entweihten TCinder durch einen geheimen Toten zum Selbstmord, welchen seine Trau aus Qram bereits begangen hat. ^Bemerkenswert ift die Totschaß des Triso an seine TCinder : »Wider euren Willen ift euer Teib verunreinigt : das wird euch nicht angerechnet werden. Doch wenn ihr eure Seele verunreinigt, werdet ihr niemals in Walhalla kommen. Eure Seelen werden dann auf Erden umherirren, sonder je das Ticht sehen zu dürfen. Qleich den Tledermäusen und Kfachteulen werdet ihr euch immer am Tage in eure Odöhlen verkriechen und nachts hervorkommen und dann auf unseren Qräbern weinen und heulen, derweilen Trya ihr Odaupt von euch abwenden muß.«

EAus Hache zündet Triso die 'Vorratsscheuern des Demetrius an und fährt mit der ganzen Tlotte, mit Weibern und Hindern, Sack und Tack auf und davon. Der Eingriff der sie verfolgenden Kriegsflotte des Demetrius wird abge~ schlagen. Unterwegs will sich ihnen noch eine Tlotte mit Ioniern anschließen, die von dem Vorgefallenen vernommen und sich ebenfalls der Zwingherrschaft des Demetrius entziehen möchten. »Triso, der viel mit Ioniern gefahren war, sagte ,ja, aber Wichirte, unser König, sagte mein.« »Die Ionier sind Qötzew diener«, sagte er, »ich habe selber gehört, wie sie diese anriefen.« Triso sagte, das käme von ihrem Verkehr mit den anderen Krekaländern. »Das habe ich selber auch oft getan, und doch bin ich so gut Tryas wie der Echtefte von euch.« Triso war der Wann, der uns nach Tr yasland führen mußte. Mso gingen die Ionier mit. EAuch schien es Wralda wohl zu gefallen, denn ehe drei PVlonate ver ftrichen waren, fuhren wir an Tritannien entlang, und drei Tage später durften wir »ho-n-seen« rufen.«

ddiese Schrift itf mir über Jdordland oder Schonland gegeben

Zur Zeit1, da unser Land niedersank, war ich in Schonland. Da ging es also her. Es gab große Seen, die von dem Grunde auf sich wie eine Blase ausdehnten ; dann falteten sie sich, aus den Rissen kam ein Stoff, als ob es glühendes Eisen wäre. Da waren Berge, deren Gipfel abbrachen. Sie taumelten herab und fegten Wälder und Dörfer hinweg. Ich selber sah, daß ein Berg von einem anderen losgerissen wurde. Senkrecht sank er nieder. Als ich nachher ging, um zu sehen, war dort eine Mar entstanden. Als die Erde sich erholte, kam ein Herzog von Lindasburg her, mit seinem Volk und einer Maid. Die Maid rief alleweg : »Der Magy iSt schuldig an allem Leid, das wir gelitten haben.« Sie zogen immer weiter und das Heer wurde Stetig größer. Der Magy floh von dannen. Man fand seine Leiche : er hatte sich selber umgebracht. Da wurden die Finnen vertrieben nach einer Stätte, wo sie leben durften. Es waren da welche von gemischtem Blute : diese durften bleiben. Doch viele gingen mit den Finnen mit. Der Herzog ward zum König gekoren. Die Kirchen2, die heil geblieben waren, wurden zerstört. Seitdem kommen die guten Nordleute öfter um Rat zu der Mutter nach Texland. Doch wir können sie nicht als rechte Fryas anerkennen.

In den Niederen Marken (Dänemarken) wird es gewiß wie bei uns vor sich gegangen sein. Die Seeleute, die sich selber kühn Seekämpen nennen, sind auf die Schiffe und nachher wieder zurück gegangen.

* * *

Heil!

Wenn der Kroder eine Zeit weitergedreht hat3, werden die Nachfahren wähnen, daß jene Mängel und Gebrechen, welche die Bruchmänner mitge' bracht haben, ihren Vorfahren eigen wären. Dawider werde ich wachen und darum so viel über ihre Bräuche schreiben, als ich gesehen habe. Über die

1 305 v. Chr.

2 In den Schriften der Apollonia, Frethorik und folgenden Bruchstücken werden die Tenr pel - wie oben (S. 48) erwähnt wurde - immer kerka »Kirche« genannt. Es iSt dies ein uraltes eurasisches Wort der Thulekultur, ein k-r bzw. g-r oder k-l bzw. k-r Stamm, vgl. Heilige Urschrift, S. 82-82 u. 182-183.

3 Nml. das Julrad.

©

Geertmänner kann ich leicht hinweggehen. Ich habe mit ihnen nicht viel ver kehrt. Doch soviel ich gesehen habe, sind sie am meisten Sprache und Sitten treu geblieben. Das kann ich nicht von den anderen sagen. Die aus den Kre' kalanden herkamen, sind von übler Sprache und ihrer Sitte wegen kann man sie nicht rühmen. Viele haben braune Augen und braunes Haar. Sie sind bös' artig und dreist und ängstlich durch Aberglauben. Wenn sie frechen, nennen sie die Worte zuerst, die zuletzt kommen sollen. Zu » ald « sagen sie »ad«, zu »salt« »sad«, » ma « für »man«, »sei« für »skil«, » sode « für »skolde«, zuviel, um alles aufzuzählen. Auch führen sie meistens sonderbare und verkürzte Namen, denen man keine Bedeutung zulegen kann.

Die Ionier frechen besser, aber sie verschweigen das h, und wo es nicht sein soll, wird es ausgesprochen, Wenn jemand ein Bildwerk macht nach einem Verstorbenen und es gleicht, so glauben sie, daß der GeiSt des VerStor benen hineinfährt. Darum halten sie alle Bildwerke von Frya, FeSta, Medea, Thjanja, Hellenja und vielen anderen verborgen. Wird ein Kind geboren, so kommen die Sippen zusammen und beten zu Frya, daß sie ihre Mädchen (Die- nerinnen) kommen lassen möge, um das Kind zu segnen. Haben sie gebetet, so darf sich niemand rühren noch hören lassen. Fängt ein Kind an zu greinen und hält dies eine Weile an, so iSt das ein übles Zeichen, und man vermutet, daß die Mutter Hurerei begangen hat. Davon habe ich arge Dinge gesehen. Fängt das Kind an zu schlafen, so iSt das ein Zeichen, daß die Dienerinnen ge' kommen sind. Lacht es im Schlafe, dann haben sie dem Kinde Glück zugesagt. Überdies glauben sie an böse Geister, Hexen, Unholde, Kobolde und Elfen, als ob sie von den Finnen herStammten.

Hiermit will ich enden, und nun meine ich, daß ich mehr geschrieben habe als einer meiner Vorfahren. Frethorik.

* * *

Frethorik, mein Gatte, iSt dreiundsechzig Jahre alt geworden. Seit hun' dertundacht Jahren iSt er der erSte seines Geschlechtes, der friedlich gestorben iSt. Alle anderen sind den Hieben erlegen, dadurch daß sie kämpften wider eigene und Fremde um Recht und Pflicht.

Mein Name iSt Wiljo, ich bin die Maid, die mit ihm aus den Sachsenmar

ken heimfuhr. Durch Rede und Umgang kam es heraus, daß wir alle beide von Adelas Geschlecht waren : da entband Liebe, und nachdem sind wir Mann und Weib geworden. Er hat mir fünf Kinder nachgelassen, zwei Söhne und drei Töchter. Konered, so heißt mein Ältester, Hachgana mein Zweiter ; meine älteste Tochter heißt Adela, die zweite Frulik und die jüngste Nocht. Als ich nach den Sachsenmarken fuhr, habe ich drei Bücher gerettet : das Buch der Gesänge, das Buch der Erzählungen und das Helenja-Buch. Ich schreibe dies, damit man nicht denken soll, daß sie von Apollanja sind : ich habe darob viel Leid gehabt und will deshalb auch die Ehre haben. Auch habe ich mehr getan : als Gosa-Makonta gestorben iSt, deren Güte und Klarsichtigkeit zu einem Sprichwort geworden war, da bin ich allein nach Texland gegangen, um die Schriften abzuschreiben, die sie nachgelassen hat. Und als der letzte Wille Franas gefunden wurde und die nachgelassenen Schriften der Dela oder Heb lenia, habe ich es noch einmal getan.

* * *

' Dies sind die Schriften von jSellenia. dch habe sie zuvorderst gestellt, weil sie die allerälteSten sind

llen echten Fryas Heil!

V In früheren Zeiten wußten die slawonischen1 Völker nichts von Freiheit. Gleich Ochsen wurden sie unter das Joch gebracht. Sie wurden in der Erde Eingeweide gejagt, um Metall zu schürfen, und aus den harten Bergen mußten sie Häuser bauen zum Heim der Fürsten und Priester. Bei allem, was sie taten, war nichts für sie zum Sättigen, sondern alles mußte dienen, um die Fürsten und Priester noch reicher und gewaltiger zu machen. Unter dieser Ar beit wurden sie grau und stramm, ehe sie bejahrt geworden waren, und ftar ben ohne Genuß, obgleich die Erde dessen in Überfluß zum Nutzen aller ihrer Kinder gibt. Aber unsere Briten und unsere Verbannten überzogen Twiskland bis in ihre Marken und unsere Steuerer (Seeleute) kamen in ihre

Slawenen, Slowenen ist ein alter Eigenname der slawischen Völker (von slowo »Wort«, also »die Redenden«, „sich gegenseitig Verständlichen«), wie Sclaveni, die Sklabenoi des Prokop, und mit abgeworfener Endungssilbe Slavi bei Jornandes, schon früh belegt sind.

Häfen. Von diesen hörten sie reden über die gleiche Freiheit und Recht und Gesetze, ohne die niemand sein kann. Alles dies wurde von diesen betrübten Menschen aufgesogen wie der Tau von den dürren Feldern. Als sie dessen voll waren, begannen die Dreistesten mit ihren Ketten zu klippern, also daß es den FürSten weh tat. Die Fürsten sind Stolz und kriegerisch, darum iSt auch keine Tugend in ihren Herzen : sie berieten sich zusammen und gaben von ihrem Überfluß etwas ab. Aber die feigen, scheinfrommen PrieSter mochten das nicht leiden ; unter ihren ersonnenen Göttern hatten sie auch bösartig- grausame Herren1 geschaffen. Die PeSt kam über das Land. Nun sagten sie, daß die Herren über die Unbotmäßigkeit der Bösen zornig seien. Da wurden die dreiSteSten Menschen mit ihren Ketten erwürgt. Die Erde hat ihr Blut ge' trunken ; mit diesem Blut nährte sie ihre Früchte und Gewächs, und alle, die davon aßen, wurden weise.

Sechszehnhundert Jahre2 waren vergangen seit Atland versunken war, und zu diesen Zeiten ereignete sich etwas, womit niemand gerechnet hatte.

In dem Herzen des Findaslandes auf den Bergen liegt eine Fläche, welche Kasamyr3 geheißen iSt (das iSt »seltsam«). Da ward ein Kind geboren, seine Mutter war die Tochter eines Königs und sein Vater ein HauptprieSter. Um der Scham zu entkommen, mußten sie ihr eigenes Blut verleugnen. Darum wurde es außerhalb der Stadt zu armen Leuten gebracht. Inzwischen war ihm nichts verhehlt worden ; darum tat er alles, um Weisheit zu erlangen und zu sammeln. Sein Verstand war so groß, daß er alles verstand, was er sah und hörte. Das Volk schaute mit Ehrerbietung auf ihn, und die Priester wurden von seinen Fragen in die Enge getrieben. Als er (voll) jährig wurde, ging er zu seinen Eltern. Diese mußten harte Dinge hören. Um seiner quitt zu werden, gaben sie ihm Überfluß von köstlichen Steinen ; aber sie trauten sich nicht, ihn offenbar als ihr Blut zu bekennen. Von Betrübnis überwältigt über die fal-

1 'Wrang wrada drochtna heißt es schön in der Handschrift, was sich noch rein niederlän" disch als »wrang wreede« übertragen läßt. Altfriesisch drochten »Herr«, »Fürst«, wird, wie auch altsächsisch drohtin, druhtin, angelsächsisch dryhten usw., als Benennung für die Gottheit oder Gott verwendet.

2 2193-1600 = 593 v. Chr.

3 Kaschmir, im nordwestlichen Himalaya, zu beiden Seiten des oberen Indus.

sehe Scham seiner Eltern, begann er herumzuirren. Immerfort fahrend begeg' nete er einem Fryas-Steurer (Seefahrer), der als Sklave diente ; von diesem lernte er unsere Sitten und Gepflogenheiten. Er kaufte ihn frei, und bis zu ihrem Tode sind sie Freunde geblieben.

Allerwärts, wo er fürderhin zog, lehrte er die Leute, daß sie weder Reiche noch Priester zulassen sollten ; daß sie sich hüten sollten vor der falschen Scham, die allerwege Übel der Liebe tut. Die Erde, sagte er, schenkt ihre Gaben nach dem Maße, in der man ihre Haut klaubt ; daß man darin soll schürfen, ackern und säen, so man derob mähen wolle. Doch, sagte er, niemand braucht etwas für einen anderen zu tun, es sei denn, daß es bei gemeinem Willen oder aus Liebe geschehe. Er lehrte, daß niemand in ihren Eingeweiden um Gold oder Silber oder kostbare Steine wühlen sollte, denen Neid anklebt und Liebe fliehet. Um eure Maiden und Weiber zu zieren, gibt der Fluß (Gold) genug. Niemand, sagte er, hat dessen Gewalt, alle Menschen maßreich zu machen und (allen) gleiches Glück zu geben. Denn es i^t aller Menschen Pflicht, die Menschen so maßreich zu machen und so viel Genießen zu geben, als erlangt werden kann. Keine Wissenschaft, sagte er, darf man geringschätzen, doch gleichteilen i^t die größte Wissenschaft, welche die Zeit uns lehren mag. Darum, daß sie Ärgernis von der Erde wehret und die Liebe nährt.

Sein erster Name war Jes-us. Doch die Priester, die ihn sehr haßten, hie' ßen ihn To, das ift »falsch« ; das Volk hieß in % ris-en1, das ift »Hirte«, und sein friesischer Freund nannte ihn Huda, weil er in seinem Haupt einen Schatz an Weisheit hatte und in seinem Herzen einen Schatz an Liebe.

Zuletzt mußte er vor der Rache der Priester fliehen, aber überall, wohin er kam, war seine Lehre ihm vorhergegangen, und überall, wohin er ging, folg' ten ihm seine Feinde2 wie fein Schatten.

Was meinet du nun, daß die Priester taten ? Das muß ich dir melden. Auch mußt du sehr darauf achten, fürder mußt du wachen über ihr Betreiben und Ränke, mit allen Kräften, welche Wralda in dich gelegt hat.

Derweilen die Lehre Jesus über die Erde fuhr, gingen die falschen Priester nach dem Land seiner Geburt, seinen Tod offenkundlich zu machen. Sie sag-

1 rKris-en = Krischna.

2 letha = eig. »Leider«, »die einem Leid antun«.

en, daß sie von seinen Freunden wären ; sie trugen große Trauer zur Schau, indem sie ihre Kleider in Fetzen rissen und ihre Köpfe kahlschoren. Sie gingen in die Höhlen der Berge wohnen; doch dahin hatten sie ihre Schätze gebracht ; da drinnen machten sie Bildwerke des Jesus. Diese Bildwerke gaben sie den Unarges denkenden Leuten. Zu langer Letzt sagten sie, daß Jesus ein Herr- Gott (drochten) wäre ; daß er dies selber ihnen bekannt hatte und daß alle, die an ihn und seine Lehre glauben wollten, nachmals in sein Königreich kommen würden, wo Freude und genießen seien.

Sintemal sie wußten, daß Jesus wider die Reichen zu Felde gezogen war, kündeten sie allerwege, daß Armuthaben und Einfältigsein die Türen wären, um in sein Reich zu kommen ; daß diejenigen, die auf Erden das meiste geht' ten hätten, nochmals die meiste Freude (Genießen) haben würden. Obgleich sie wußten, daß Jesus gelehrt hatte, daß man über seine Triebe Gewalt haben und sie lenken sollte, lehrten sie, daß man alle seine Triebe töten sollte, und daß die Vollkommenheit der Menschen darin bestände, daß er eben unver hörbar wäre wie der kalte Stein.

Um dem Volk nun glauben zu machen, daß sie selber also taten, gebärde' ten sie Armut auf den Straßen, und um fürder zu beweisen, daß sie alle ihre Leidenschaften getötet hätten, nahmen sie kein Weib. Doch, so irgendwo eine junge Tochter einen Fehltritt begangen hatte, so wurde ihr dies schnell verge' ben. Den Schwachen, sagten sie, sollte man helfen, und um seine eigene Seele zu behalten, sollte man der Kirche viel geben. Dermaßen hatten sie Weib und Kinder ohne Haushalt, und sie wurden reich, ohne zu werken. Aber das Volk ward viel ärmer und mehr elend als bevor. Diese Lehre, bei der die Priester keiner anderen Wissenschaft bedurften, als betrügerisch zu reden, frommen Scheines und Unrechtes zu pflegen, breitete sich von OSten nach Werten aus und wird auch über unser Land kommen.

Aber wenn die Priester wähnen werden, daß sie alles Licht von Fryas und von Jesus’ Lehre ausgelöscht haben werden, dann werden an allen Orten Men' sehen außtehen, die Wahrheit in Stille unter sich wahrten und für die Priester verborgen haben. Diese werden sein aus fürstlichem Blute, aus prieSterlichem Blute, aus slawonischem Blute und aus Fryas Blute. Diese werden ihre Lam' pen (?)' und das Licht hinauStragen, so daß allmänniglich Wahrheit sehen mag. Sie werden Wehe rufen über die Taten der PrieSter und Fürsten. Die Fürsten,

die Wahrheit minnen und Recht, die werden vor den Priestern weichen. Das Blut wird Strömen ; aber daraus wird das Volk neue Kräfte sammeln. Findas Volk wird seine Findigkeit zu gemeinem Nutzen anwenden und Lydas Volk seine Kräfte und wir unsere Weisheit. Dann werden die falschen Priefter von der Erde weggefegt werden. Wraldas Geift wird allum und allerwege geehrt und angerufen werden. Die Gesetze (ewa), welche Wralda am Anfang in unser Gemüt legte, werden allein gehört werden ; da werden keine anderen Meifter, noch Fürften, noch Obmänner2 sein, als diejenigen, die bei gemeinem Willen geküret sein werden. Dann wird Frya jauchzen und Irtha (Erde) wird ihre Gaben allein schenken dem werkenden Menschen.

Dies alles wird anfangen viertausend Jahre nachdem Atland versunken ift3, und tausend Jahre 3p>äter wird da länger kein Priefter noch Zwang auf Erden sein.

Dela, zugenannt Hellenja. Wache!

lautete Tiranas letzter "Wille

Allen edlen Fryas Heil! In dem Namen Wraldas und der Freiheit grüße ich euch und bitte ich euch, wenn ich fterben sollte, ehe ich eine Nach' folgerin ernannt habe, so empfehle ich euch Tüntja, die Burgmaid ift auf der Burg Medeasblik : bis auf den heutigen Tag ift sie die hefte.

' Dies hat Qosa nachgelassen

Allen Menschen Heil! Ich habe keine Ehrenmutter ernannt, weil ich keine wußte, und es ja besser ift, keine Mutter zu haben, als eine, auf die ihr euch nicht verlassen könnt. Arge Zeit ift vorbeigefahren, aber es kommt noch

1 foddikum( ?)

2 bäsa, mittelniederländisch baes (selten), niederländisch baas, als 'Bas »MeiSter«, »Herr« (ehrende Anrede des Gesindes an den Herrn, der Arbeiter an den Werkführer oder Mer Ster, der Gäste an den Wirt usw.), auch im Hochdeutschen entlehnt, ursprünglich im Frie~ sischen und WeStniederdeutschen einheimisch, 1597 bei Kilian als »amicus, herus, paterfamilias« belegt. Auch bei diesem Wort könnte man die Hand des Humanisten, des Verfassers von Kodex C, mutmaßen.

3 2r93 v. Chr. = 4000 = ca. r8oo n. Chr.

eine andere. Irtha hat sie nicht geboren und Wralda hat sie nicht geschaffen. Sie kommt aus dem OSten, aus dem Busen der Priester her. So viel Leid wird sie brüten, daß Irtha das Blut ihrer erschlagenen Kinder allesamt nicht wird trinken können. Finsternis wird sie über die GeiSter der Menschen ausbreiten, wie die Donnerwolken über das Sonnenlicht. Allum und allewege wird LiSt und Götzentreiben wider Freiheit und Recht kämpfen. Recht und Freiheit wer den erliegen und wir mit ihnen. Aber dieser Gewinn wird ihren VerluSt er' wirken. Von den drei Worten werden unsere Nachkommen ihre Leute und Sklaven die Bedeutung lehren: sie sind - gemeine Liebe, Freiheit und Recht.

ZuerSt werden sie erglänzen, darnach mit Finsternis kämpfen so lange, bis es hell und klar in jedwedem Herzen und Haupte wird. Dann wird Zwang von der Erde fortgefegt werden wie Donnerwolken vom Sturmwind, und alles Götzentreiben wird dagegen nichts mehr vermögen. Gosa.

* * *

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die Schrift von konered

eine Ahnen haben nacheinander dieses Buch geschrieben. Das will

ich überdies tun, weil in meinem Staat keine Burg übrig iSt, an der

die Geschehnisse aufgeschrieben werden wie bevor. Mein Name iSt Konered, meines Vaters Name Frethorik, meiner Mutter Name ist Wiljow. Nach meines Vaters Tod bin ich zu seinem Nachfolger gekoren, und als ich fünfzig Jahr zählte, kor man mich zum obersten Grevetmann.

Mein Vater hat beschrieben, wie die Linda-Orte und die Ljudgärten zer Stört worden sind. Lindahem iSt noch weg, die Linda-Orte zu einem Teile, die nördlichen Ljudgärten sind durch die salzige See verschlungen. Das brausende Haff schlingt an dem Ringdeich der Burg. Wie mein Vater es berichtet hat, sind die habelosen Menschen hingegangen und haben Häuschen gebauet in' nerhalb des Ringdeiches der Burg. Darum iSt der Rundteil nun Ljudwerd ge' heißen. Die Seeleute sagen Ljuwrd, aber das iSt FehlSjarache. In meiner Jugend war das andere Land, das außerhalb des Ringdeiches liegt, alles Pfuhl und Bruch. Aber Fryas Volk iSt wacker und fleißig, sie werden weder müde noch mürbe, weil ihr Ziel zum Besten führt. Durch Ausheben von Gräben und Bauen von Kaideichen aus Erde, die aus den Gräben kam, erhielten wir wieder eine gute Heimstätte außerhalb des Ringdeiches, welche die Gestalt eines Hufes hat, drei Pfähle oStwärts, drei Pfähle südwärts und drei Pfähle westwärts gemessen. Heutzutage sind wir dabei, Wasserpfähle einzurammen, um einen Hafen zu gewinnen und zugleich unseren Ringdeich zu beschirmen. Sobald das Werk vollendet iSt, werden wir Seeleute darin aussetzen.

In meiner Jugend Stand es hier kraus, aber heute sind die Häuschen schon Häuser, die in Reihen Stehen. Und Mängel und Gebrechen, die mit Armut

sich hier eingeschlichen hatten, sind durch Fleiß ausgetrieben worden. Hieraus kann ein jeder lernen, daß Wralda, unser Allerhalter1, alle seine Geschöpfe er nährt, so sie Mut behalten und einander männlich helfen wollen.

Nun will ich über "Friso schreiben

Friso, der bereits durch seine Leute machtvoll war, wurde zum obersten Grevetmann gekoren durch die Umländer Staverens. Er trieb den Spott mit unserer Weise der Landwehr und des Seekampfes. Darum hat er eine Schule gegründet, in der Knaben nach Art der Krekaländer fechten lernen. Doch ich glaube, daß er das getan hat, um das junge Volk an seine Schnur zu binden. Ich habe meinen Bruder auch dahin geschickt : das ift nun zehn Jahre her. Denn, dachte ich, nun wir nicht länger eine Mutter haben, um den einen gegen den anderen zu schirmen, so geziemt es mir, zweifach zu wachen, daß er nicht Herr über uns wird.

Gosa hat uns keine Nachfolgerin genannt : darob will ich kein Urteil fällen. Aber hier gibt es noch alte argdenkende Menschen, die meinen, daß sie des' wegen mit Friso uneinig geworden ift. Als Gosa gestorben war, da wollten die Leute von allen Orten eine andere Mutter kiesen. Aber Friso, der sich an' schickte, sein Reich für ihn selbst zu schaffen, Friso begehrte weder Rat noch Boten von Texland. Als die Boten der Landsassen zu ihm kamen, ^J?rach er und sagte : »Gosa«, sagte er, »war weitsehend und weiser als alle Grevetmän' ner zusammen : darum hat sie nicht den Mut gehabt, eine Nachfolgerin zu kiesen. Und um eine Nachfolgerin zu kiesen, die zweifelhaft war, darin hat sie Nachteil gesehen. Darum hat sie in ihrem letzten Willen geschrieben : es ift euch besser keine Mutter zu haben, als eine, auf die ihr euch nicht verlassen könnt.«

Friso hatte viel gesehen ; im Krieg ward er auferzogen und von den Rän' ken und Liften der Golen und Fürften hatte er grade so viel gelernt und er' gattert, als er brauchte, um die anderen Grafen dahin zu führen, wohin er wollte. Sieh, wie es sich damit hat zugetragen.

Friso hatte hier ein anderes Weib genommen, die Tochter Wilfrethes :

Jllfoder, eig. »Allernährer«.

in seinem Leben war er oberster Greva in Stavoren gewesen. Bei ihr hatte er zwei Söhne gewonnen und zwei Töchter. Auf sein Betreiben ist Kornelja, seine jüngste Tochter, meinem Bruder angetraut. Kornelja iSt schlechtes Friesisch und muß Kornhelja geschrieben werden. Wehmut, seine älteste, hat er an Kauch verbunden. Kauch, der auch bei ihm zur Schule ging, iSt der Sohn Wich' hirtes, des Königs der Gertmänner. Aber Kauch iSt auch schlechtes Friesisch und soll Kap sein. Aber übele Sprache haben sie mehr mitgebracht als gute Sitten.

Nach der großen Flut1, worüber mein Vater geschrieben hat, waren viele Jütten und Letten mit der Ebbe aus Balda oder »Übele See« geführet. Bei Ka' thisgat trieben sie in ihren Kähnen mit dem Eis auf die Niederen Marken (Dä' nemarken) feSt, und darauf sind sie sitzengeblieben. Da waren nirgends Menschen in Sicht. Darum haben sie das Land eingenommen : nach ihrem Namen haben sie das Land Juttarland geheißen. Nachdem kamen viele Däne' märker zurück von der hohen See, aber diese ließen sich südlicher nieder. Und als die Seeleute zurückkamen, die nicht untergegangen waren, ging der eine mit dem anderen auf See oder nach den Inseln. Durch diese Fügung durften die Jütten das Land behalten, auf das Wralda sie geführt hatte. Die Seeländer Schiffer, die sich nicht nur mit Fisch erhalten oder ernähren wollten und einen großen Widerwillen gegen die Golen hatten, begannen die phönizischen Schiffe zu berauben.

An der südwestlichen Ecke Schonlands, da liegt Lindasburg zugenannt Lindasnase, von unserem Apol gegründet, so wie in diesem Buch beschrieben Steht. Alle KüStenbewohner und Umländer waren dort echte Fryas geblieben, aber durch die LuSt zur Rache wider die Golen und wider die Keltana-Folger machten sie mit den Seeländern gemeinsame Sache. Doch diese Gemeinschaft hat nicht Standgehalten. Denn die Seeländer hatten viele übele Bräuche und Gewohnheiten von den schlechten Magjaren übernommen, Fryas Volk zum Spott. Fürderhin raubte jeder für sich, doch wo es sich traf, Standen sie einan' der treulich bei. Zu guter Letzt aber fing es den Seeländern an guten Schiffen an zu mangeln. Ihre Schiffbauer waren umgekommen und ihre Wälder mit Grund und allem von dem Lande fortgefegt worden. Nun kamen unerwartet

1 305 v. Chr.

drei Schiffe und legten an dem Ringdeich unserer Burg an. Durch die Einbrü" che unseres Landes waren sie verirrt, und ihre Fahrt hatte den Flymund ver fehlt. Der Kaufmann, der mitgegangen war, wollte von uns Schiffe haben : dazu hatten sie allerhand köstliche Waren mitgebracht, die sie von den Kelta' nalanden und den phönizischen Schiffen geraubt hatten. Sintemal wir selber keine Schiffe hatten, gab ich ihnen flinke Rosse und vier gewappnete Rennbo' ten mit zu Friso. Denn in Staveren und das Alderga entlang wurden die besten Wehrschiffe gemacht von hartem Eichenholz, in das nie Fäulnis hineinkommt.

Während die Seekämpen bei mir verweilten, waren einige Jütten nach Tex' land gefahren und von dannen an Friso verwiesen worden. Die Seeländer hat' ten viele von ihren größten Knaben geraubt, die mußten auf ihren Bänken rudern, und von ihren größten Töchtern, um bei ihnen Kinder zu zeugen. Die großen Jütten vermochten dem nicht zu wehren, weil sie keine guten Waffen hatten. Als sie ihr Leid erzählt hatten und darob viele Worte gewechselt waren, fragte Friso zuletzt, ob sie keinen guten Hafen in ihrem Land hätten. »O ja«, antworteten sie, »einen sehr guten, einen von Wralda geschaffenen. Er iSt eurem Bierkrug dort gleichend, der Hals iSt eng, doch in seinem Balg können wohl tausend große Kähne liegen. Aber wir haben weder Burg noch Burgwaf' fen, um die Raubschiffe fernzuhalten.« »Da müßt ihr eine machen«, sagte Friso. »Gut geraten«, sagten die Jütten, »aber wir haben keine Handwerksleute noch Bauzeug ; wir sind alle Fischer und Jütter. Die anderen sind ertrunken oder nach den Hochlanden geflohen.«

Mittlerweile sie so redeten, kamen meine Boten mit den Seeländer Herren an seinen Hof. Hier müßt ihr Obacht geben, wie Friso alle hineinzulegen wußte, zur Zufriedenheit beider Parteien und zum Nutzen seines eigenen Zie' les. Den Seeländern sagte er zu, sie würden jährlich fünfzig Schiffe haben, nach festen Maßen, ausgerüstet mit eisernen Ketten und Kranbogen und mit vollem Zeug, also es für Kriegsschiffe erforderlich und nötig sei ; aber die Jütten soll' ten sie dann in Frieden lassen und alles Volk, das zu Fryas Kindern gehörte. Ja, er wollte mehr tun : er wollte alle unsere Seekämpen auffordern, mit ihnen zu gehen, um zu fechten und zu rauben.

Als die Seeländer abgezogen waren, da ließ er vierzig alte Schiffe beladen mit Burgwaffen, Holz, hartgebackenen Steinen, Zimmerleuten, Maurern und Schmieden, um damit Burgen zu bauen. Witto, das iSt Weiße, seinen Sohn,

sandte er mit als Aufsicht. Was da vorgefallen ist, ist mir nicht berichtet. Aber so viel iSt mir klar geworden, daß an beiden Seiten des Hafenmundes eine Trutzburg gebauet worden iSt ; darin iSt Volk gelegt, das Friso aus den Sach' senmarken zog. Witto hat Sjuchhirte befreiet und zur Frau genommen. Wik heim, so hieß ihr Vater : er war der oberste Aldermann der Jütten, das iSt oberster Grevetmann oder Graf. Wilhelm iSt kurz darnach gestorben und Witto an seiner Stelle gekoren.

Was Wiso fürder tat

on seiner ersten Frau hat er zwei Schwäger behalten, die sehr wacker

V waren. Hetto, das iSt Heiße, den jüngsten, schickte er als Sendboten nach Kattaburg, das tief in den Sachsenmarken liegt. Er hatte von Friso mit' bekommen sieben Rosse außer seinem eigenen, beladen mit köstlichen Sa' chen, durch die Seekämpen geraubt. Bei jedem Pferd waren zwei junge Seekämpen und zwei junge Reuter, mit reichen Gewändern bekleidet und mit Geld in ihren Beuteln. Wie er Hetto nach Kattaburg schickte, sandte er Bruno, das iSt Braune, den anderen Schwager, nach Mannagarda Wrda (Ort). Man' nagarda Wrda iSt weiter in diesem Buche Mannagardaforda geschrieben : aber das iSt fehl getan. Alle Reichtümer, die sie mit hatten, wurden den Umständen nach verschenkt an die Fürsten und Fürstinnen und die auserwählten Jung' frauen. Kamen seine Knaben auf die Dorfaue, um mit dem Jungvolk zu tan' zen, so ließen sie Körbe mit Kräuterkuchen kommen und Tonnen des beSten Bieres. Nach diesen Boten ließ er immer Jungvolk über die Sachsenmarken fahren, die alle Geld in ihren Beuteln hatten und alle Gaben oder Geschenke mitbrachten, und auf der Dorfaue verzehrten sie unbekümmert darauf los. Wenn es nun geschah, daß die Sachsenknaben neidisch darnach sahen, dann lachten sie gütlich und sagten : »Wenn du den gemeinen Feind zu bekämpfen wagSt, so kannSt du deiner Braut noch viel reichere Gaben geben und noch fürstlicher verzehren.«

Alle beiden Schwäger Frisos sind mit Töchtern der ruhmreichsten Fürsten getraut, und nachdem kamen die Sachsenknaben und Mädchen in ganzen Haufen zu dem Flymeer hinunter.

Die Burgmaiden und alten Maiden, die noch von ihrer ehemaligen Größe wußten, neigten nicht dem Treiben Frisos zu : darum redeten sie von ihm nichts Gutes. Aber Friso, schlauer als sie, ließ sie schwatzen. Doch die jungen Maiden verleitete er mit goldenen Fingern zu seiner Sache. Sie sagten allum : »Wir haben länger keine Mutter mehr, aber das kommt, weil wir jährig sind. Heute geziemt uns ein König, damit wir unsere Lande wiedergewinnen, weh che die Mütter verloren haben durch ihre Unsorgsamkeit.« Weiter kündeten sie : »Jedwedem Fryaskind ift Freiheit gegeben seine Stimme hören zu lassen, bevor zur Küre eines Fürsten geschritten wird. Aber wenn es dazu kommen möchte, daß ihr wieder einen König kieft, so will ich euch auch meine Mei' nung sagen. Nach allem, was ich schauen kann, ift Friso derjenige, der von Wralda erkoren ift : denn er hat ihn wunderlich hiergeführt. Friso kennt die Ränke der Golen, deren Sprache er ^»richt ; er kann also wider ihre Liften wa' chen. Dann ift aber noch etwas zu erwägen : welchen Grafen sollte man zum König kiesen, ohne daß die anderen darob neidisch wären?« Derartige Re' densarten wurden durch die jungen Maiden verbreitet ; aber die alten Maiden, obgleich wenig an der Zahl, zapften ihre Reden aus einem anderen Fasse. Sie kündeten alleweg und jedwedem : »Friso«, so sagten sie, »macht es wie die Spinnen : des Nachts ^J?annt er Netze nach allen Seiten und am Tage über rascht er seine nichts Arges wähnenden Freunde. Friso sagt, daß er keine Prie' fter noch fremde Fürften mag. Aber ich sage, er mag niemanden außer sich selbft. Darum will er nicht gewähren, daß die Burg Stavia wieder aufgerichtet wird. Darum will er keine Mutter wieder haben. Heute ift Friso euer Ratgeber, aber morgen will er euer König werden, damit er euch alle richten mag.«

In dem Innern des Volkes entftanden nun zwei Parteien. Die Alten und Armen wollten wieder eine Mutter haben, aber das Jungvolk, das voller Kamp' fesluft war, wollte einen Vater oder König haben. Die erften nannten sich sek her »Muttersöhne«, und die anderen nannten sich selber »Vatersöhne«. Aber die Muttersöhne wurden nicht beachtet. Denn dadurch, daß viele Schiffe ge' macht wurden, war hier Überfluß für die Schiffmacher, Schmiede, Segelma' eher, Seildreher und für alle anderen Handwerksleute. Zudem brachten die Seekämpen allerhand Schmucksachen mit. Daran hatten die Weiber Vergnü' gen, die Maiden Vergnügen, die Mädchen Vergnügen, daran hatten alle ihre Magen und alle ihre Freunde Vergnügen.

Als Friso um die vierzig Jahre in Staveren gewirtschaftet hatte, starb er1. Durch seine Bemühungen hatte er viele Staaten wieder zueinander gebracht. Aber ob wir dadurch besser wurden, wage ich nicht zu bestätigen. Von allen Grafen, die vor ihm waren, iSt niemand so bekannt gewesen wie Friso. Doch, wie ich vorher sagte, die jungen Maiden kündeten sein Lob, während die alten Maiden alles taten, um ihn zu ächten und verhaßt zu machen bei allen Men' sehen. Nun vermochten die alten Maiden ihn damit zwar nicht in seinen Be' mühungen zu Stören, aber sie haben mit ihrem Gebaren doch so viel ausgerichtet, daß er geStorben iSt, ohne daß er König ward.

Nun will ich schreiben über seinen Sohn Mel

riso, der unsere Geschichte aus dem Buche der Adelingen2 kennengelernt

hatte, hat alles getan, um ihre Freundschaft zu erwerben. Seinen ersten Sohn, den er hier gewann bei Swethirte, seinem Weibe, hat er zur Stund Adel geheißen. Und obgleich er seine ganze Macht dafür einsetzte, daß keine Bur gen wieder hergeStellt noch aufgebaut wurden, so sandte er doch Adel nach der Burg auf Texland, auf daß er durch und durch alles dessen kundig werden sollte, was zu unseren Gesetzen, unserer Sprache und unseren Sitten gehört. Als Adel zwanzig Jahre zählte, ließ Friso ihn in seine eigene Schule kommen, und als er ausgelernt hatte, ließ er ihn durch alle Staaten fahren. Adel war ein liebenswürdiger Jüngling : auf seinen Fahrten hat er sich viele Freunde gewon' nen. Daher ist es gekommen, daß das Volk ihn Atharik (Freundereich) nannte, was ihm nachdem sehr wohl zustatten gekommen ift. Denn als sein Vater ge' ftorben war, blieb er an seiner Statt, ohne daß die Wahl eines anderen Grafen zur Erörterung gekommen wäre.

1 263 v. Chr.

2 Der Adel(a)-Bund, die Adela-Folger.

Derweilen Adel in Texland in der Lehre war, befand sich gleichzeitig eine sehr liebe Maid auf der Burg. Sie war den aus den Sachsenmarken herkünftig, aus dem Staat, der geheißen i& Svoboland1. Darum ward sie zu Texland Svcr bene geheißen, obgleich ihr Name Ifkja war. Adel hatte sie liebgewonnen, und sie hatte Adel lieb. Aber sein Vater befahl ihm, er solle noch warten. Adel war gehorsam, aber sobald sein Vater gestorben war und er auf dessen Sitz saß, sandte er sofort Boten zu Bertholde, ihrem Vater, ob er seine Tochter zum Weibe haben dürfte. Bertholde war ein Für^t von unverdorbenen Sitten. Er hatte Ifkja nach Texland in die Lehre gesandt, in der Hoffnung, daß sie einmal zur Burgmaid gekoren werde in seinem eigenen Lande. Doch er hatte ihrer beider Begehren erfahren : darum ging er hin und gab ihnen seinen Segen.

Ifkja war eine rechte Fryas. Soweit ich sie kennengelernt habe, hat sie immer gewirkt und gestrebt, auf daß Fryas Kinder wieder unter dasselbe Ge' setz und unter einen Bann kommen möchten. Um die Menschen auf ihre Seite zu bringen, war sie, als sie von ihrem Vater fortging, mit ihrem Friedei durch alle Sachsenmarken gefahren und weiter nach Gertmannia. Gertmannia, also hatten die Gertmänner ihren Staat geheißen, den sie durch Gosas Betreiben erhalten hatten. Von dort gingen sie nach den Dänemarken. Von den Däne' marken schifften sie sich ein nach Texland. Von Texland gingen sie nach WesT flyland und so die See entlang nach Walhallagara hin. Von Walhallagara zogen sie den Rhein entlang, bis sie mit großer Gefahr zu den Marsaten kamen, wor über unsere Apollanja geschrieben hat. Als sie dort eine Weile geblieben waren, gingen sie wieder abwärts. Als sie nun eine Zeitlang zur Niederung ab' wärts gefahren waren, bis sie in die Gegend der alten Burg Aken (Aachen) kamen, sind unversehens vier Knechte ermordet und nackt ausgeplündert worden. Sie waren ein wenig zurückgeblieben. Mein Bruder, der überall dabei

1 Land der Suebi oder Suevi, ahd. Swäba »Schwaben«. Es isd dies ein Wortsdamm su(e)bh(o) »von eigener Art«, wozu das gotische sibja, althochdeutsch sipp(e)a »Sippe, Gesamtheit der eigenen Leute«, altpreuß. subs »eigen, selbst« usw. gehört ; vgl. russisch soba »Person«, sobij »Eigenart, Charakter«, altkirchenslawisch solnüvo »Eigenart, Wesen« und svoboda »Freiheit«, das Höchsdgut und die Höchsdforderung des nordischen, arischen Menschen.

war, hatte es ihnen oft verboten, doch sie hatten nicht gehorcht. Die Mörder, die das getan hatten, waren Twiskländer, die heutzutage dreist über den Rhein kommen, um zu morden und zu rauben1.

Wie Apollonja, sahen sie sich die Lydasburg und das Alderga an. Von dort zogen sie über Staverens Orte bei ihren Leuten herum. Sie hatten sich so lie' benswert geführt, daß die Menschen sie allewege behalten wollten. Drei Mo' nate ^>äter sandte Adel Boten an alle Freunde, die er gewonnen hatte, und ließ sie bitten, sie sollten im Minnemonat weise Leute zu ihm senden ...

Odier fehlt in der Abschrift ein Klatt, zwei Seiten, welches dem Schreiber des

Kodex D bei seiner Abschrift von Kodex C bereits gefehlt haben muß.)

... seine Frau, sagte er, die Maid gewesen war zu Texland, hatte davon eine Abschrift erhalten. Auf Texland werden noch viele Schriften gefunden, die nicht in dem Buche der Adelingen2 abgeschrieben sind. Von diesen Schriften hat Gosa eine zu ihrem letzten Willen gelegt, welche durch die älteste Maid, Albethe, offenkundig werden sollte, sobald Gosa gestorben wäre.

fHier ißt die Schrift mit Qosas flat

ls Wralda den Müttern des menschlichen Geschlechtes Kinder gab, da

i Ylegte er eine Sprache auf alle Zungen und auf alle Lippen. Dies Geschenk hatte Wralda den Menschen gegeben, damit sie einander dadurch erkennbar machen konnten, was man meiden muß und welchen Dingen man nachStre' ben muß, um Seligkeit zu finden und Seligkeit zu behalten in aller Ewigkeit. Wralda ift weise und gut und alles vorhersehend. Sintemal er nun wußte, daß

1 Der Schreiber des Urkodex A hat Veranlassung genommen, die Verachtung der reinras" sigen Fryas und Wralda-Verehrer für die Franken in einigen Bemerkungen an die Ahn" herren der »ältesten Tochter der Kirche«, die Franken und ihren Imperialismus zu richten, dessen Handlanger die Kirche war. Diese Bemerkungen sind wahrscheinlich von den sf>ä~ teren Schreibern von Kodex B und C mit jenen Etymologien versehen, die von mir, wie viele andere, gestrichen wurden. Von den Twiskländern heißt es nämlich : Sie sind ver bannte oder weggelaufene Fryaskinder. Sie hatten ihre Weiber von einem braunen Finda- Volk genommen und nannten sich selber Frya oder Franka.«

2 Der Adal-Bund oder die Adela-Folger.

Glück und Seligkeit von der Erde fliehen müssen, wenn die Bosheit die Tu' gend betrügen kann, so hat er mit der Sprache eine gerechte Eigentümlichkeit fest verbunden. Diese Eigentümlichkeit liegt darin, daß man damit keine Lüge sagen, noch trügerische Worte frechen kann sonder StimmentStellung und sonder Schamrot, wodurch man die von Herzen Bösen zur Stund erkennen mag. Nachdemmalen unsere Sprache also den Weg zum Glück und zur Selig' keit zeigt und also mitwacht wider die bösen Neigungen, darum iSt sie, mit Recht GottesSj^rache geheißen, und alle diejenigen, die sie in Ehren halten, haben dadurch Freude.

Doch was iSt geschehen? Alsobald inmitten unserer Halbschwestern und Halbbrüder Betrüger aufStanden, die sich selbst für Gottesknechte ausgaben, iSt das gar schnell anders geworden. Die betrügerischen PrieSter und die ruch' losen FürSten, die immer miteinander verschworen sind, wollten nach Willkür leben und außer dem Gottesgesetz handeln. In ihrer Schlechtigkeit sind sie hingegangen und haben andere Sprachen ersonnen, damit sie heimlich Sj^re' chen können in Gegenwart aller anderen über alle bösen Dinge und über alle unwürdigen Dinge, ohne daß Stammeln sie verraten noch Schamrot ihr Ant" litz entstellen könnte. Aber was iSt daraus geboren? Ebenso leicht wie der Same der guten Kräuter in der Erde aufgeht, der offenkundig gesäet worden iSt von guten Leuten am hellen Tage, ebenso leicht bringt die Zeit die schädlichen Kräuter an das Licht, die gesäet sind von bösen Leuten im Verborgenen und in der Finsternis.

Die lockeren Mädchen und die unmännlichen Knaben, die mit den un' reinen PrieStern und FürSten hurten, entlockten die neuen Sprachen ihren Buhlen. Auf solche Weise sind sie weitergekommen unter die Völker, bis daß die GottesSj?rache gänzlich vergessen wurde. Willst du nun wissen, was daraus geworden iSt? Nun StimmentStellung und Miene ihre bösen Leidenschaften nicht länger verrieten, iSt die Tugend aus ihrer Mitte gewichen, Weisheit iSt gefolgt und Freiheit iSt geschwunden ; Eintracht iSt verlorengegangen und Zwiespalt hat ihre Stätte eingenommen ; Liebe iSt geflohen und Hurerei sitzt mit Neid am Tisch, und da, wo ehemals Gerechtigkeit waltete, waltet nun das Schwert. Alle sind Sklaven geworden, die Leute von ihren Herren, die Herren von Neid, bösen GelüSten und Begehrlichkeit. Hätten sie nun noch eine Spra' che erfunden, möglicherweise wäre es dann noch eine Weile gut gegangen.

Aber sie haben so viele Sprachen erfunden, als es Staaten gibt. Dadurch ver mag das eine Volk das andere ebensowenig zu verstehen als die Kuh den Hund oder der Wolf das Schaf. Dies können die Seefahrer bezeugen. Daher ift es nun gekommen, daß alle Sklavenvölker einander als andere Menschen be' trachten und daß sie zur Strafe für ihre Unachtsamkeit und ihre Vermessen' heit einander so lange bekriegen und bekämpfen müssen, bis sie alle vertilget sind.

"Hier itt nun mein Kat

Bi& du also begierig, die Erde allein zu erben, so sollet du nimmer eine andere Sprache über deine Lippen kommen lassen als die Gottes^rache, und dann geziemt es dir zu sorgen, daß deine eigene Sprache freibleibt von ausheimischen Klängen. Willst du nun, daß welche von Lydas Kindern und von Findas Kindern bleiben, dann tueft du desgleichen. Die Sprache der Oft- S chonländer i^t von den unreinen Magjaren verhunzt ; die Sprache der Keh tana-Folger i^t von den schmutzigen Golen verdorben. Nun sind wir so mild gewesen, die zurückkehrenden Hellenja-Anhänger wieder in unsere Mitte auf' zunehmen, aber ich befürchte sehr, daß sie unsere Milde vergelten werden durch Verhunzung unserer reinen Sprache.

Vieles ist uns widerfahren, aber von allen Burgen, die durch die arge Zeit zerstört und vertilgt worden sind, hat Irtha Fryasburg unversehrt erhalten. Auch darf ich dabei berichten, daß Fryas oder Gottes Sprache hier ebenso um versehrt erhalten Ut.

Hier auf Texland sollte man also Schulen stiften : von allen Staaten, die es mit den alten Sitten halten, muß das junge Volk hierher gesandt werden ; da' nach dürfen diejenigen, die ausgelernt haben, den anderen wieder helfen, die daheim verharren. Wollen die anderen Völker Eisenwaren von euch kaufen und darüber mit euch frechen und dingen, so müssen sie zur Gottes^rache wiederkehren. Lernen sie die Gottes^>rache, so werden die Worte »frei sein« und »recht haben« zu ihnen eingehen, in ihren Häuptern wird es dann begim nen zu glimmen und glühen, bis es zu einer Lohe wird. Diese Flamme wird

alle bösen Fürzen und Scheinfrommen und schmutzigen Priester verzehren.

* * *

Die einheimischen und ausheimischen Sendboten fanden Gefallen an der Schrift : doch es kamen keine Schulen. Da gründete Adel selber Schulen ; nach ihm taten die anderen Fürsten wie er. Alljährlich gingen Adel und Ifkja hin und besuchten die Schulen. Fanden die unter den Einheimischen und Ausheimischen »Selige«, die einander Freundschaft entgegenbrachten, so zeigten sie große Freude. Hatten einige »Selige« einander Freundschaft ge' schworen, so ließen sie alle Menschen Zusammenkommen, und mit großem Gepränge ließen sie dann deren Namen in ein Buch schreiben, von ihnen das Buch der Freundschaft geheißen. Alle diese Bräuche wurden aufrechterhalten, um die gesonderten Zweige des Fryas-Stammes wieder zu verbinden. Doch die Maiden, die Adel und Ifkja neideten, sagten, daß sie es um nichts anderes täten, als um des guten Rufes willen und um allmählich zu herrschen über den Staat eines anderen.

£s folgt nun der 'Brief des Qertmannen Tjudgert , welchen er hei den Schriften seines ' Vaters gefunden hätte. Der 'Brief enthält eine kurze 'Beschreibung über »Tang- ab« : »das fünf 'Wässer’, aus deren Nähe wir herkommen, ein Strom von besonderer Schönheit und fünf 'Wässer’ geheißen, weil vier andere Ströme durch seinen SMund in die See fließen. Qanz weit ostwärts noch ein großer Strom, der heilige oder fromme Qong-ga (Ranges) geheißen.« Der ganze Teil wurde von mir als spätere 'Überarbeitung eines nicht mehr feüzuüellenden “Kerns geürichen.

* * *

Mein Name ift Beden, Hachganas Sohn. Konered, mein Ohm, ift nie beweibt gewesen und also kinderlos gestorben. Man hat mich an sei' ner Stelle gekoren, Adel, der dritte König dieses Namens, hat die Küre gutge' heißen, falls ich ihn als meinen Herrn anerkennen wollte. Außer dem vollen Erbe meines Ohms hat er mir ein ganzes Stück Boden gegeben, das an mein Erbe grenzte, unter der Bedingung, daß ich darauf Menschen setzen würde, die seine Leute nimmer würden ...

(“Hier in der Handschrift eine große Tücke, die den 'Bericht 'Beedens über König Sddel III. enthält, der in den Chroniken Tlbbo genannt wird.)

... darum will ich diesem hier eine Stätte einräumen.

' Brief von Rika, der JLltmaid, hergesagt zu Staveren heim Julfeft

Ihr alle, deren Vorfahren mit Friso hierher kamen, meine Ehrerbietung an euch. So ihr meint, seid ihr der Abgötterei unschuldig. Darüber will ich heut nicht frechen, sondern will euch auf ein Gebrechen weisen, das wenig besser i&. Ihr wißt oder wißt es nicht, daß Wralda tausend Glanznamen hat. Doch das wißt ihr alle, daß er Allernährer1 geheißen ward, aus dem Grunde, daß alles aus ihm wird und wächst zur Ernährung seiner Geschöpfe. Es ift wahr, daß Irtha zuweilen auch All-Ernährerin ( AlfedStre) geheißen wird, weil sie alle Früchte und Genüge gebiert, womit Menschen und Tiere sich selber ernähren. Doch sie würde keine Früchte noch Genüge gebären, gäbe Wralda ihr keine Kräfte. Auch Frauen, die ihre Kinder saugen lassen an ihren Brüsten, werden Ernährerinnen geheißen. Doch gäbe Wralda darin keine Milch, so würden die Kinder davon keinen Nutzen haben. So daß zum Schlüsse Wralda allein Ernährer (Vater) bleibt.

Daß Irtha zuweilen All-Ernährerin wird geheißen und eine Mutter Er' nährerin, das kann man noch gelten lassen. Aber daß der Mann sich Ernährer nennen läßt, weil er Vater Ht, das i& strittig aller Vernunft.

Doch ich weiß, von wannen diese Torheit kommt. Horcht hier : - sie kommt von unseren Feinden, und so sie befolgt wird, werdet ihr dadurch Skia' ven werden zum Schmerze Fryas und eurem Hochmut zur Strafe.

Ich werde euch berichten, wie es bei den Sklavenvölkern zugegangen ist : davon möget ihr lernen. Die fremden Könige, die nach Willkür leben, Strecken die Hand aus nach Wraldas Krone : aus Neid, daß Wralda Allernährer, Allvater heißt, wollen sie auch Ernährer- Väter der Völker genannt werden. Nun weiß jedermann, daß ein König nicht über das Wachstum Gewalt hat und daß ihm seine Nahrung vom Volke gebracht wird. Aber trotzdem wollen sie in ihrer Vermessenheit verharren. Damit sie zu ihrem Ziele gelangen möchten, be-

1 Wie mit »ewa« (vgl. S. 37), findet hier ein feines Wortspiel Statt zwischen foda,feda = „er nähren« und davon abgeleitet f oder , jeder = »Futterer, Ernährer« und feder, fader = »Vater«, eine Gleichstellung, die bei den Stammverwandten Angelsachsen noch im 12. Jahrhundert von einem Christenprediger angewandt wurde.

gnügten sie sich erft nicht mit den freiwilligen Abgaben, sondern haben dem Volke einen Zins auferlegt. Für den Schatz, der daraus entstand, heuerten sie ausländische Söldner, die sie um ihre Höfe herum legten. Fürder nahmen sie so viele Weiber als ihnen gelüftete, und die kleinen Fürften und Herren taten desgleichen. Als Zwift und Zwie^alt nachher in die Haushaltungen sich ein' schlichen und darob Klagen kamen, da haben sie gesagt : ein jeder Mann ift der Ernährer seiner Haushaltung, darum soll er auch Herr und Richter dar über sein. Da kam Willkür, und gleich wie diese mit den Männern über den Haushaltungen waltete, so tat sie auch mit den Königen über Staaten und Vöh ker. Als die Könige es so weit gebracht hatten, daß sie Ernährer- Vater der Vöh ker hießen, da gingen sie hin und ließen Bildwerke nach ihrer Geftalt machen : diese Bildwerke ließen sie in die »Kirchen« setzen neben den Bildwerken der Götter, und diejenigen, die sich davor nicht beugen wollten, wurden umge' bracht oder in Ketten gelegt. Eure Vorfahren und die Twiskländer haben mit den fremden Fürften verkehrt : davon haben sie diese Torheit gelernt. Doch nicht nur, daß manche eurer Männer sich schuldig machen an dem Rauben der Glanznamen, auch über eure Weiber muß ich mich beklagen. Werden bei euch Männer gefunden, die sich Wralda gleichftellen wollen, es werden auch Weiber gefunden, die dies mit Frya tun wollen. Weil sie Kinder geboren haben, lassen sie sich selber »Mutter« (modar) nennen. Doch sie vergessen, daß Frya Kinder gebar ohne Eingang eines Mannes. Ja, nicht nur haben sie Frya und die Ehrenmutter ihrer glanzreichen Namen berauben wollen, an die sie doch nicht heranreichen können, sie tun dergleichen mit den Glanznamen ihrer Nächften. Es gibt Weiber, die sich »Fraue« (frowa ) nennen lassen, obgleich sie wissen, daß dieser Name nur den Weibern der Fürften gehört. Auch lassen sie ihre Töchter »Maiden« (famna) heißen, trotzdem sie wissen, daß keine Jungfer (toghatera1) so heißen darf, es wäre denn, sie gehörte zu einer Burg.

Ihr alle wähnet, baß ihr durch den Namenraub besser werdet, doch ihr vergeht, daß daran Neid haftet und daß jedes Übel seine eigene Zuchtrute säet. Kehret ihr nicht um, so wird die Zeit ihr Wachftum verleihen, so ftark, daß man das Ende nicht absehen kann. Eure Nachfahren werden damit gefesselt

1 toghatera, eig. »Tochter«, ein Sprachgebrauch, der noch in der Schweiz üblich.